Stephan Klasmanns "querformat":
Unbegrenzte Möglichkeiten

Die USA gelten als Land der unbegrenzten Möglichkeiten, und unbegrenzte Möglichkeiten sorgen mitunter für recht überraschende Entscheidungen. Das hat sich diese Woche gleich zweimal bestätigt. Nach monatelangem Gezerre und Gefeilsche um die marode Opel AG, nach einem Überbrückungskredit von 1,5 Milliarden Euro durch die deutsche Bundesregierung und nach Hunderttausenden Flugkilometern der Magna-Bosse in der Hoffnung auf den großen Deal ist nun endlich eine Entscheidung über den Verkauf des Autobauers gefallen. Er wird nämlich gar nicht verkauft. Die hohen Herren in Detroit wollen Opel lieber selbst sanieren.

Eigentlich ist das sonderbar, denn noch vor wenigen Wochen haben die US-Manager diese Variante ausgeschlossen. Am 10. September wurde der Verkauf an Magna von der Konzernspitze sogar noch ausdrücklich empfohlen. Die deutsche Regierung ist nun dementsprechend verärgert, und im heimischen Opelwerk in Wien-Aspern fürchtet man nicht zu Unrecht um die Arbeitsplätze.

Doch genau besehen kommt diese Wende gar nicht so aus heiterem Himmel. Zwei Fakten hätten Merkel, Stronach & Co hellhörig machen müssen: Erstens sind die USA das Eldorado des Pokerspiels, dessen Meisterschaft voraussetzt, dass man sich bis zuletzt nicht in die Karten schauen lässt. Zweitens hat erst kürzlich eine Untersuchung eines kalifornischen Ethik-Instituts ergeben, dass über die Hälfte der US-Teenager davon ausgehen, dass man im Berufsleben nur durch Lügen und Betrügen etwas erreicht. Kombiniert man beides, so erklärt das recht simpel die missliche Lage, in der sich Opel und diverse europäische Steuerzahler nun befinden, und die Klasse des Spiels seitens der US-Boys. Die 1,5 Milliarden Euro Kredit soll GM nun bis Ende November zurückzahlen. Das werden sie aber kaum tun, und sollten die Deutschen das Geld eintreiben wollen, dann geht Opel eben pleite. Das wiederum würde – so schätzen Experten – den deutschen Steuerzahler an Arbeitslosengeldern und anderen Aufwendungen bis zu 2,8 Milliarden Euro kosten. GM braucht also bloß die Schultern zu zucken und sich in die Insolvenz zu verabschieden. Zugegeben – das ist nicht die feine englische Art, aber eben ein sehr gutes Pokerspiel mit Tarnen und Täuschen, auf das die biedere deutsche Politik glatt hereingefallen ist.

Das zweite Exempel dafür, dass jenseits des Atlantiks Denkunmögliches möglich ist, lieferte der reichste Pokerspieler Amerikas, Warren Buffett. Der Investor kaufte sich um 44 Milliarden Dollar bei einer Eisenbahngesellschaft ein. Und warum? Weil er damit ordentliche Renditen verdienen möchte. Mit einer Eisenbahn. Mit einer profitablen Eisenbahn, wohl gemerkt. Und an diesem Punkt verharrt der gelernte Österreicher in ehrfurchtsvollem Schweigen. Sollte das möglich sein? Sollte es das wirklich geben, so eine Art Gewinn bringende ÖBB. Ist das denkbar? Ist das nicht ein Widerspruch in sich selbst? Gibt es in den Vereinigten Staaten womöglich Schaffner, die älter sind als 50 Jahre? Können die dortigen Einkäufer von Diensthandys die Geräte, die sie bestellen, auch tatsächlich zählen? Es scheint so. Und es scheint auch so, als könnten wir vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten doch noch einiges lernen – Pokern ebenso wie Geldverdienen.

klasmann.stephan@format.at

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