Stephan Klasmanns "querformat": Tea- Party-Bewegung: 3 Frauen für ein Halleluja

In Zeiten großer Not kommt es immer wieder vor, dass gesellschaftliche Systeme aus den Fugen geraten und merkwürdige Massenphänomene geradezu psychotische Symptome zeigen.

Man denke an die Züge der Flagellanten, die zur Zeit der großen Pestepidemie Mitte des 14. Jahrhunderts sich selbst geißelnd durch die Lande zogen.

Auch jetzt ist die Not offensichtlich wieder groß. Vor allem in den USA. Und so ziehen auch in diesem Jahrhundert wieder Pilger durch die Lande, allerdings mit zeitgemäßen Fortbewegungsmitteln, namentlich einem Autobus, dem sogenannten Tea-Party-Express. Dessen Insassen und Unterstützer verbreiten – auch dies durchaus in Analogie zu früheren Jahrhunderten – seltsame Heilslehren.

Speerspitzen dieser Tea-Party-Bewegung, einem Sammelbecken erzkonservativer Bürger aus verschiedensten Richtungen, sind drei bizarre Frauengestalten. Die bekannteste ist Vizepräsidentschaftskandidatin Sarah Palin, die bei den Wahlen 2008 ihre Auslandskompetenz damit zu belegen suchte, dass sie ja schließlich von ihrem Haus in Alaska bis Russland sehen könnte. Dies freilich wäre nur möglich, wenn die Erde eine Scheibe wäre, und aus ebenjener Zeit, als dieses Weltbild noch weit verbreitet war, stammen auch ihre Ansichten.

Für den Senatorensitz in Delaware bewirbt sich eine gewisse Christine O’Donnell, die mit dem Slogan „Ich bin keine Hexe, ich bin du“ wirbt und in Talkshows mit erotischen Erfahrungen auf satanistischen Altären prahlt. Von diesen Lehren hat sie sich natürlich nun – ganz brave Christin – wieder abgewandt. Jetzt glaubt sie an die Erschaffung der Welt in sechs Tagen, ganz nach dem Buchstaben des Alten Testaments. Selbstbefriedigung sei Sünde, verkündet sie, die Evolutionstheorie nur ein Mythos und die Trennung von Kirche und Staat ein Irrtum der Geschichte. Die Dritte im Bunde ist Sharron Angle, die als Senatorin für Nevada kandidiert. Sie ist für die Abschaffung der Einkommenssteuer und das ersatzlose Auslaufen der Sozialversicherung.

„Nun gut“, sehe ich Sie, verehrungswürdige Leserin, geistreicher Leser, vor meinem geistigen Auge schmunzelnd den Kopf schütteln, „auch bei uns gibt es immer wieder ein paar Irre und Ewiggestrige.“ Schon richtig. Aber das nachgerade Unfassbare ist, dass diese skurrilen Gestalten jenseits des Atlantiks keine demokratiepolitischen Randerscheinungen sind, sondern tatsächlich beste Chancen haben, gewählt zu werden. Jüngste Umfragen sagen den Konservativen bei den Wahlen am 2. November einen Erdrutschsieg voraus.

Und warum? Weil der Barack Obama ein Versager ist.

Jetzt ist der schon zwei Jahre Präsident, und es gibt noch immer Arbeitslose, ein Budgetdefizit, die Häuserpreise sind viel zu niedrig, die Taliban noch nicht besiegt, Osama nicht gefangen, der Yuan zu hoch, die Iraner zu aufmüpfig … Einfach unfähig, dieser Typ!

Und so ist es tatsächlich sehr wahrscheinlich, dass sich das gleiche Volk, das sich noch vor zwei Jahren in einem beeindruckenden Votum für Toleranz, Aufbruch, Freiheit und den ersten schwarzen Präsidenten entschieden hat, in zehn Tagen in die Arme von fanatischen religiösen Eiferern und wirtschaftlich sowie politisch völlig ahnungslosen Witzfiguren wirft. Die Not muss wirklich sehr groß sein in den USA. Wenn es nicht so traurig wäre, dann könnte man direkt darüber lachen.

- Stephan Klasmann

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten