Stephan Klasmanns "querformat":
Tauchgang im Markusdom

Es gibt Dinge, die werden nicht besser. Etwa ein kariöser Zahn. Der tut anfangs nur ein bisschen weh, was uns möglicherweise dazu veranlasst, die Sache zu ignorieren. Doch mit der Zeit steigert sich der Schmerz, bis er schließlich, wenn die Wurzel entzündet und das Zahnfleisch geschwollen ist, unerträglich wird und zu einem dramatischen Finale beim Zahnarzt unseres Vertrauens zwingt. Da wir üblicherweise 32 Zähne haben, ist eine derartige Erfahrung wenigstens insoferne wertvoll, als sie uns vor 31 weiteren peinigenden Exzessen zu bewahren hilft.

Doch nicht alles gibt es in mehrfacher Ausführung. Zum Beispiel die hartnäckig wärmer werdende Atmosphäre. Nun mag es ja durchaus eine charmante Abwechslung sein, den Markusdom im Taucheranzug, begleitet von ein paar dämlich glotzenden Branzinos, zu besichtigen, aber nach dem dritten, vierten Mal verliert das seinen Reiz. Wir sehnen uns also zurück nach den Tauben vor dem Dogenpalast, während uns Blesshühner und Schwäne neben der aus dem Wasser ragenden Spitze des Campanile neugierig umkreisen. Wir sehnen uns zurück nach einer kühleren Lufthülle, wir bereuen jeden unnötig gefahrenen Autobahnkilometer und jedes nicht gedämmte Fenster. Doch der Lerneffekt kommt zu spät. Zweit-Atmosphären sind im Aufbau unseres Sonnensystems nicht vorgesehen.

Nicht immer kann man es sich leisten, durch Versuch und Irrtum zu lernen. Das gilt insbesondere dann, wenn auf den Irrtum kein weiterer Versuch mehr folgt. Das gilt also insbesondere beim Klimaschutz. Ist der Meeresspiegel erst einmal fünf Meter gestiegen, können wir nicht sagen: „Oh, dumm gelaufen, zieh doch mal den Stoppel raus.“ Vor diesem Hintergrund ist das absehbare Scheitern des Umweltgipfels in Kopenhagen mehr als bedrohlich. Denn wie beim kariösen Zahn gilt auch hier: Das Problem lässt sich nicht aussitzen. Die CO2-Konzentration in der Lufthülle wird mit jedem Tag höher und die notwendige Verhaltensänderung des Homo sapiens im Umgang mit Energie immer radikaler und somit teurer.

Nicht, dass das nicht alle Beteiligten wüssten. Doch China steht auf dem Standpunkt, zu den Opfern des Klimawandels zu zählen und daher Anspruch auf finanzielle Hilfe zu haben. Indien – das Land mit der nominell am raschesten wachsenden Bevölkerung der Welt – sieht das genauso. Die USA haben sich vergangene Woche auf dem APEC-Gipfel ebenfalls von verbindlichen Klimazielen verabschiedet. Bleibt Europa als einziger Vorreiter – doch der Alte Kontinent trägt nur rund 15 Prozent zu den weltweiten Emissionen bei. Da der CO2-Ausstoß bis 2050 aber um 80 Prozent sinken muss, um die Erderwärmung halbwegs unter Kontrolle zu halten, ist das Ergebnis selbst mit den mathematischen Mitteln eines Volksschülers sicher prognostizierbar: Es wird nicht reichen.

Der Klimaschutz kostet Geld. Viel Geld. Im britischen Stern-Report ist von 100 Milliarden Dollar pro Jahr die Rede. Das kann kein einzelnes Land bezahlen, alle werden dazu etwas beitragen müssen. Auch Indien, auch China, auch die USA. Und je länger wir streiten, desto teurer wird es. Bis hin zum letztlich nicht mehr leistbaren Kollaps.

Der beliebte Vergleich mit dem Streit um die Plätze auf der Titanic drängt sich auf. Er geht jedoch ins Leere. Denn wenn wir so weitermachen, gibt es keinen Eisberg mehr, mit dem wir – zwecks korrekter Analogie – kollidieren könnten.

klasmann.stephan@format.at

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