Stephan Klasmanns "querformat":
Supermacht der Heuchelei

In Russland sagt man, wer Butter auf dem Kopf hat, soll nicht in die Sonne gehen. Bei uns gibt es das Bild vom Glashaus, dessen Insassen nicht mit Steinen werfen sollen, beziehungsweise jenes vom Weintrinken und Wasserpredigen. Die Vielfalt der Phrasen zeigt schon, dass der charakterliche Mangel, ebenjene Sünden anzuprangern, die man selbst begeht, durchaus verbreitet ist.

Auch die hohe Politik ist dabei keine Ausnahme. Das beweist der in der Vorwoche präsentierte Menschenrechtsbericht der US-Regierung. Alleine dass es so etwas überhaupt gibt, ist genau genommen schon ein Kuriosum. Der Menschenrechtsbericht der US-Regierung, das ist ungefähr so wie der Artenschutzbericht des isländischen Walfängerverbandes oder die Antialkoholiker-Initiative der Brau Union.

Polizeigewalt, rechtsradikale Übergriffe, diskriminierte Muslime – Österreich ist laut der Studie des amerikanischen Außenministeriums ein Hort des Bösen, Habitat der Fritzls und Priklopils dieser Welt. Steil erhebt sich der moralische Zeigefinger der US-Prüfer gen unseren alpenländischen Himmel.

Und mindestens ebenso steil ragt ihnen hier mein Stinkefinger entgegen. Österreich als Hochburg verletzter Menschenrechte? Sind die noch bei Trost? Das erdreistet sich die Regierung eines Landes zu monieren, wo fröhliches Brutzeln am elektrischen Stuhl zum alltäglichen Volkssport gehört. Ein Land, in dem – Sie erinnern sich vielleicht – ein siebenjähriger Schweizer Bub von zwei Polizisten in Handschellen abgeführt wird, weil er seiner dreijährigen Schwester beim Pinkeln helfen wollte und ihr das Höschen heruntergezogen hat. Das Kind saß – trotz Protesten der verzweifelten Eltern – wochenlang in Untersuchungshaft. Begründung: sexuelle Belästigung! Und was ist mit den fast schon gewohnten Prügelszenen, in denen US-Cops mit Stöcken auf unbewaffnete, hilflos am Boden liegende Menschen eindreschen?

Aber nicht nur unschuldige Bürger werden im Land der unbegrenzten Möglichkeiten mit Füßen getreten, auch die Menschenrechte in den Zellen von Guantánamo. Kürzlich rechtfertigte ein republikanischer Abgeordneter das illegale Straflager damit, dass sich jeder dritte der dortigen Gefangenen nach seiner Freilassung einer terroristischen Vereinigung anschließen würde. Nur jeder dritte? Das ist ohnehin eine niedrige Quote. Wenn man jahrelang ohne Anklage, ohne Gerichtsverfahren, dafür aber mit Wasserfolter und unter demütigendsten Bedingungen wie ein Tier gehalten und seiner Jugend beraubt wird, dann muss man fast schon ein Heiliger sein, um nicht zu al-Qaida überzulaufen.

Keine Frage: Es gibt im Umgang mit Menschenrechten in Österreich Verbesserungsbedarf. Das will ich auch gar nicht schönreden. Es beginnt beim Umgang mit Schubhäftlingen und reicht bis zu den unbegreiflich milden Urteilen nach polizeilichen Übergriffen – man denke nur an Omofuma oder den aktuellen Fall des erschossenen Jugendlichen in Krems.

Aber die USA sind nun wirklich die Allerletzten, die auch nur irgendwie den Anspruch haben, in dieser Hinsicht an Österreich Kritik zu üben. Ebenso gut könnte ein österreichischer Fußball-Bundestrainer Taktik und Laufarbeit der spanischen Nationalelf kritisieren oder Ottfried Fischer das zunehmende Übergewicht der deutschen Jugend anprangern. Vor den Washingtoner Ministertüren lagern Berge von Menschenrechtsmüll. Und vor diesen Türen sollten sie endlich zu kehren beginnen.

klasmann.stephan@format.at

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