Stephan Klasmanns "querformat":
Stillstand mit Lichtgeschwindigkeit

Selbst bis an die Wirtshaustische in den entlegensten Weilern im Bregenzerwald hat es sich schon herumgesprochen: Wir stecken mitten in den Auswirkun­gen der schlimmsten Rezession seit dem Zweiten Weltkrieg.

Die Staatsverschuldung steigt exorbitant, gerade kleine und mittlere Unternehmen – die Stützen unserer Ökonomie – bekommen wegen der Finanzkrise kaum noch Kredite, die Investitionen gehen daher zurück. Was also tun? Zähne zusammenbeißen, Ärmel aufkrempeln und ordentlich zupacken?

Nein, weit gefehlt. ÖGB-Präsident Erich Foglar verspricht uns einen heißen Herbst und fordert eine Arbeitszeitverkürzung bei vollem Lohnausgleich. Zunächst denkt man sich: Der hat nicht alle! Wie soll eine Wirtschaftskrise bewältigt werden, indem wir weniger leisten und dafür von angeschlagenen ­Unternehmen mehr bezahlt bekommen?

Doch gemach! Nicht Wahnsinn ist’s, der Foglar treibt, sondern sein Genius! Wie querformat exklusiv aus ÖGB-Kreisen erfuhr, arbeitet man in der Gewerkschaft schon lange an einem revolutionären volkswirtschaftlichen Modell, das endlich alles und jedes erklärt und Keynesianer wie Monetaristen alt aussehen lässt.

Und jetzt ist es endlich fertig – das Foglar’sche Theorem, das Wachstum durch weniger Leistung wissenschaftlich belegt. Zunächst ist klar: Arbeit verbraucht Energie. Die durch Nichtarbeit frei werdende Energie wird, gemäß der Benya-Gleichung, über den Zwischenschritt Langeweile in Vergnügungsbedürfnis umgewandelt. Dieses wird wiederum durch den in Relation zur Arbeitszeit höheren Lohn befriedigt und führt zu steigendem Konsum. Das ergibt ­einen sich selbst akzelerierenden Prozess, der umso schneller verläuft, je höher der Arbeitszeit-Gehalts-Quotient sinkt und sich schließlich dem Verzetnitsch-Äquilibrium asymptotisch annähert, das durch den Zustand Null-Arbeit bei maximalem Einkommen gekennzeichnet ist (der sogenannte Penthouse-Effekt).

Im Null-Arbeits-Zustand strebt schließlich das Konsum­potenzial in einer gegebenen Zeitspanne t0–t1 gegen den Extremwert (trivial: Grasser/Swarovski-Konstante = Maximalkonsum ohne Arbeit).
Das bedeutet: Niemand arbeitet. Das ganze Land steht still. Doch wie entsteht daraus Wachstum? Hier kommt nun das auch im Experiment nachgewiesene sogenannte Neugebauer-Paradoxon ins Spiel, wonach maximale Unbeweglichkeit zur größtmöglichen Wirkungsentfaltung führt.

Die Unbeweglichkeit besteht nämlich nur scheinbar und ist auf die Zeitdilatation zurückzuführen. Nach der Einstein’schen Speziellen Rela­tivitätstheorie vergeht die Zeit bei steigender Geschwindigkeit immer langsamer, bis sie bei Lichtgeschwindigkeit c ganz stillsteht. Vergeht keine Zeit, so ist aber auch keine Bewegung möglich. Der Stillstand gemäß Neugebauer-Paradoxon bedeutet also in Wahrheit Lichtgeschwindigkeit. Der Stillstand des Landes entspricht folglich dem größtmöglichen gewerkschaftlichen Bewegungspotenzial. Österreich entwickelt sich also maximal durch minimale Veränderung. q. e. d.

Geben Sie’s zu, hoch geschätzter Leser, an­betungswürdige Leserin: Jetzt sind Sie platt! Erst dachten Sie sicher auch noch, der Foglar hat irgendwie ein … na, sagen wir: Zerebralproblem. Und jetzt das. Da winkt noch der Nobelpreis!

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