Stephan Klasmanns "querformat":
Sieger sehen anders aus

Die Worte gleichen sich. „Wir werden die Terroristen vernichten“, tönte Russlands Präsident Medwedew, und sein Premier Putin setzte nach, man werde sie, die wie Ratten in den Tiefen der Kanalisation lebten, als Licht zerren. „Wir werden Sie zur Strecke bringen“, schwor einst US-Präsident George W. Bush Rache und meinte al-Qaida und Osama bin Laden. Die Taten gleichen sich auch.

Blutige Leiber, zerrissen von Bomben, die meist durch Selbstmordattentäter an den Ort ihrer Bestimmung gebracht werden, verzweifelte Angehörige, überforderte Helfer, verunsicherte Bürger. Vor acht Jahren proklamierten die USA unter dem Eindruck der Anschläge auf das World Trade Center den „Krieg gegen den Terror“. Ungeheure Mittel sind in diesen Kampf geflossen, ganz abgesehen von den ideellen Kosten, wie dem Verlust von Bürgerrechten, die mit Hinweis auf die „Sicherheit der Heimat“ ebenso eingeschränkt wurden wie die Menschenrechte für Terrorverdächtige.

Gemessen am Aufwand ist das Ergebnis des Kreuzzugs gegen al-Qaida & Co niederschmetternd. Osama bin Laden läuft weiter frei herum, und obwohl alle paar Wochen „ein hochrangiges Mitglied von al-Qaida“ getötet oder festgenommen wird, werden es nicht weniger. Entweder es gibt zu viele „hochrangige Mitglieder“, oder es drängen stets neue Hoffnungsträger auf der Karriereleiter des Terrors nach oben. Wahrscheinlich beides.

Auch mit Putins Ratten ist das nicht so einfach. Der Ex-KGB-Spion vermutet sie zwar in der Kanalisation, allein die ist in Moskau groß. Immerhin ist schon das Netz der U-Bahn fast 300 Kilometer lang. Sieben Millionen Menschen benutzen sie täglich. Wo also suchen? Wie Sicherheit schaffen? Noch mehr Kontrollen? Nacktreisepflicht statt Nacktscanner? Bei meinem letzten Abflug von Miami musste ich dreimal meine Schuhe ausziehen.

Nein. So ist der Terror sicher nicht zu besiegen. Paul Watzlawick beschreibt in seiner „Anleitung zum Unglücklichsein“ einen häufigen Mechanismus menschlichen Fehlverhaltens. „More of the same“, könnte man ihn zusammenfassen. Wir haben Kopfschmerzen und nehmen eine Tablette. Es lässt nicht nach, also nehmen wir zwei Tabletten, und dann drei … Und bemerken gar nicht, dass wir kein Kopfwehpulver einnehmen, sondern beispielsweise ein Rheumapräparat.

Ähnlich scheint es sich mit dem Krieg gegen den Terror zu verhalten. Statt auf 100 Kontrollen die 101. folgen zu lassen, sollten wir uns fragen, ob wir überhaupt das richtige Medikament verwenden. Vielleicht müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden, die Täter seien bloß blutrünstige Kriminelle, die anderen feige nach dem Leben trachten. Immerhin überwinden sie dabei den wichtigsten menschlichen Instinkt, den Selbsterhaltungstrieb. Feige ist das nicht. Wie viel Verzweiflung oder Hass muss sich aufstauen, damit man so einer Tat fähig wird?

Es wäre an der Zeit, den Kampf gegen den Terrorismus mit anderen Mitteln zu führen. Warum? Ganz einfach, weil die bisherigen versagt haben. „Wir verhandeln nicht mit Terroristen“, lautet das Credo stolzer Regierungen. Aber was hat es uns gebracht? 39 Tote in der Moskauer Metro, 20 Tote zwei Tage später in Dagestan. Vielleicht sollte man – wenn schon nicht verhandeln – wenigstens zuhören, statt stets nur eigene Parolen zu plärren. Aber das erfordert viel mehr Mut als mediengerecht aufbereitete, martialische Töne, die den Menschen die Handlungsfähigkeit der Politik suggerieren sollen.

klasmann.stephan@format.at

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