Stephan Klasmanns "querformat":
Sieg der Gerechtigkeit

Die USA bleiben das Land der Freiheit. Das gilt auch für Betrüger.

Bernard Madoff hat es schwer. Da beweist der aktuelle Weltrekordhalter in der neuen Trendsportart Wirtschaftsbetrug, dass seine Heimat nach wie vor in beeindruckender Weise das Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist, und wie wird ihm sein Patriotismus gedankt? Mit Hausarrest in einem beengenden 400-Quadratmeter-Apartment mit deprimierendem Ausblick über die triste New Yorker Steinwüste. Und als ob das nicht genug wäre, fordern seine rachsüchtigen Feinde – offensichtlich bar jeden Sinnes für die historische Einmaligkeit eines 50-Millarden-Dollar-Coups – auch noch schnöde Untersuchungshaft für den Helden unter den Kapital-Verbrechern. Bloß, weil er Freunden und Kindern noch ein paar hundert seiner wenigen verbliebenen Millionen zuschieben wollte. Hätte bei der Schadenssumme eh nix mehr ausgemacht, und die Enkerln hätten sich gefreut. Aber die Welt ist schlecht. Der Neid der Besitzlosen oder – noch schlimmer – der Neid der wegen Madoffs Geschäftsmodells nur noch Ex-Besitzenden verunziert häufig den menschlichen Charakter.

Denn schließlich ist Bernard ein sympathischer Kerl mit fein
entwickeltem Schamgefühl und echter Empathie. So hat er sich in einem Brief an seine Nachbarn sogar dafür entschuldigt, dass seine neue Popularität zu Trauben von Journalisten und Kameraleuten vor seinem bescheidenen Domizil führt. Dadurch könnten seine Mitbewohner inkommodiert werden, was er selbstverständlich zutiefst bedauere. Zugegeben: Bei seinen Anlegern, die jetzt gar kein Domizil mehr haben,
oder den Familien jener Investoren, die sich wegen des von ihm verursachten Totalverlustes bereits das Leben genommen haben, hat er sich nicht entschuldigt. Aber was soll’s! Das macht die ja auch nicht mehr lebendig, und die verlorenen Häuser bringt es ebenso wenig zurück. Vielleicht hat er ja auch nur darauf vergessen. Ist ja immerhin schon 70 – da darf es dann schon ein bisschen alzheimern.

Wie human, wie tröstlich ist es daher, dass die US-Strafbehörden dem Druck der Straße nicht nachgegeben haben und so Madoff die sinnlose Erniedrigung einer Haft ersparen. Doch die Milde der braven Justizbeamten wird vielfach schamlos ausgenützt. Zum Beispiel in Guantánamo. Jeder Zehnte der von dort Abgereisten – nennen wir sie Gäste – schließt sich, so eine Untersuchung der US-Behörden, nach seiner Rückkehr einer Terrororganisation an. Also das ist doch wirklich der Gipfel der Unverschämtheit! Da lädt man ein paar hundert renitente Muslime zum Gratisurlaub in die Karibik ein, versorgt sie mit fröhlichen, bunten Kleidern, kümmert sich jahrelang um gesunde Ernährung, aufwendige hygienische Betreuung inklusive Mundspülung und übernimmt sogar die Reisekosten – und kaum sind sie zurück, werden sie Terroristen. Ja man könnte fast den Eindruck bekommen, die hätten während der ganzen Zeit in ihrer geräumigen Vier-Quadratmeter-Zelle an nichts anderes gedacht, als daran, wie sie ihren Kostgebern am meisten schaden könnten. Nur wegen dem bisschen Folter und der Aberkennung aller Menschenrechte? Echt kleinlich.

Aber von solchen Enttäuschungen lassen sich die US-Justizbehörden gottlob nicht beeinflussen. Und deshalb werden die Vereinigten Staaten von Amerika auch unter ihrem ersten schwarzen Präsidenten ein leuchtendes Beispiel für Demokratie, Frieden und Freiheit bleiben. Und natürlich unser Vorbild für Rechtsstaatlichkeit.

klasmann.stefan@format.at

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