Stephan Klasmanns "querformat":
Selbstmord bei Todesstrafe verboten!!!

In einem Interview wurde Paul Watzlawick, einer der ­Begründer des Konstruktivismus, nach einem für ihn und seine Weltsicht prägenden Erlebnis gefragt. Er beschrieb daraufhin, wie er als kleiner Junge auf einer Brücke stand, von der sich ein Mann in den Tod stürzen wollte. Der ­Lebensmüde hatte bereits das Geländer erklommen, da näherte sich ein Polizist und forderte ihn auf, sofort herunterzusteigen. Als der sich weigerte, richtete der Uniformierte die Dienstwaffe auf den Selbstmörder in spe und schrie: „Steigen Sie sofort herunter, oder ich schieße!“

Und dann geschah das Unfassbare: Der Mann stieg tatsächlich folgsam von der Brüstung und ließ sich mit erhobenen Händen abführen. Später wurde diese Art des Eingreifens als „Paradoxe Intervention“ zur gängigen Methode in der Psychotherapie und als Quelle skurrilen Humors auch zur Basis von Sketchen von Kabarettisten.

Doch manchmal vergeht einem bei solchen Interventionen das Lachen. Etwa bei den Methoden, mit welchen das chinesische IT-Unternehmen Foxconn, der Hersteller des schicken iPhones, seine Angestellten vom Suizid abbringen möchte. In den vergangenen Wochen haben sich zehn Mitarbeiter von einem Fabriksgebäude in Shenzhen in den Tod gestürzt. Die Belegschaft berichtet von extremem Leistungsdruck, brutalen Arbeitsbedingungen und kargem Lohn für die 72-Stunden-Wochen, die schweigend – sprechen ist nicht erwünscht – absolviert werden müssen.

Tote Arbeitssklaven machen in der heilen , trendigen Welt der iPhone-Junkies keinen schlanken Fuß. Daher kam Firmengründer Terry Gou höchstselbst mit dem Privatjet angereist, um nach dem Rechten zu sehen und geeignete Mittel zu finden, das Umsichgreifen des Lemmingvirus zu unterbinden. Nun könnte man meinen, er hätte vielleicht die Arbeitsbedingungen verbessert, das Sprechen erlaubt oder längere Pausen verordnet. Weit gefehlt – das könnte ja die Produktivität vermindern.

Nein. Er entschied sich – wohl weniger aus psychologischem Verständnis als aus blankem Zynismus – für eine paradoxe Intervention: Die Mitarbeiter müssen nun ein Formular unterschreiben, in dem sie sich verpflichten, sich NICHT umzubringen. Wenn es nicht so ekelhaft wäre, könnte man schallend darüber lachen. Ich frage mich nämlich, wie Herr Gou jene perfiden Bösewichte zur Verantwortung ziehen möchte, die sich nicht an das Suizid-Moratorium halten, sondern sich in unternehmensschädigender Weise hinterhältig vom Dach fallen lassen. Verweigerung eines ehrenhaften Begräbnisses? Aufspießen der Leichname vor dem Werkstor als abschreckendes Beispiel, wie wir es aus dem Mittelalter kennen?

Doch damit nicht genug,  müssen die Foxconn-Sklaven auch noch ihre pauschale Zustimmung dazu geben, dass sie von Mitarbeitern in eine psychiatrische Klinik gebracht werden können, „sollten sie in einem abnormalen geistigen oder körperlichen Zustand sein“. Die Frage ist bloß, wer das beurteilen soll. Etwa die Vorarbeiter, die in schwarzen Uniformen durch die Werkshallen patrouillieren und das Sprechverbot kontrollieren?
Plausibler erscheint es, Herrn Gou selbst in eine Klinik einzuweisen, weil bei dieser Art, seine Mitarbeiter zu behandeln, ein normaler Geisteszustand ohnehin ausgeschlossen werden kann. Außerdem sollte er vom Selbstmordverbot ausdrücklich ausgenommen werden. Quasi als Privileg! Quod licet Iovi non licet bovi!

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