Stephan Klasmanns "querformat": Sei auf der Hut, gerade auch bei Wiener Blut!

Der Goethe war kein Trottel nicht. „Blut“, lässt er seinen Mephisto im Faust erläutern, „ist ein ganz besonderer Saft.“ Aber der alte Geheimrat war natürlich wissenschaftlich nicht ganz so up to date, und darum ist es H.-C. Strache zu verdanken, dass diese unzulässige Verallgemeinerung endlich präzisiert wird. „Wiener Blut“ ist nämlich noch viel besonderer.

Und da beginnen auch schon die Probleme und meine schlaflosen Nächte, in denen ich, von Morpheus gemieden, mich hin und her wälze und mir die bange Frage stelle, ob denn in meinen Adern wirklich echtes Wiener Blut fließt. Ich bin zwar in Wien geboren, doch mein Vater war ein aus Tallinn gebürtiger Este, seine Mutter mit schwedischen Wurzeln hieß Heinrichson, und obwohl wenigstens mein Großvater mütterlicherseits Wiener war, legt sein Nachname Peloschek slawische Ursprünge nahe. Geht das als „Wiener Blut“ durch, oder bin ich einfach nur ein Bastard, der den echten Wienern wie dem FPÖ-Generalsekretär mit dem schönen deutschen Namen Vilimsky die Luft wegatmet?

Es ist ja mit Ursprungszeugnissen so eine Sache

Nicht jeder Emmentaler kommt aus dem Emmental, nicht jede Polnische aus Polen, und nicht jedes Wiener Würstchen kommt aus der schönen Donaumetropole. Man muss daher stets vorsichtig und auf der Hut sein, auch und gerade beim Wiener Blut.

Auf der Suche nach dem, was uns in den Augen der FPÖ erst zum wahren Wiener macht, wollen wir möglichst früh beginnen. Schließlich ist alter Adel stets besonders edel.

Gehen wir also zunächst neun Jahrtausende zurück. Damals wurde bei uns so eine Art Ur-Baskisch gesprochen, als aus dem Kaukasus jene Stämme einsickerten, die neben dem Ackerbau auch die Urform des Indogermanischen mitbrachten. Kupfer kannte man noch nicht. Man klopfte mit Steinkeilen munter drauflos, auch in der Gegend von Wien gibt es entsprechende Funde. Mit so einem Ur-Wiener hätte H.-C. Strache sicher seine Freude: einfach ehrlich mit der Keule draufloshauen! Welche Gemeinsamkeiten erschließen sich da unseren Wien-Blütlern!

Der kaukasische Neolithaner hatte sich an der Donau kaum häuslich eingerichtet, als wilde Wanderbewegungen sein Blut in Wallung und Vermischung brachten: An der Bernsteinstraße gelegen, trieb sich allerhand Handelsvolk herum, ehe sich die Kelten niederließen, die wiederum von den Römern abgelöst – besser gesagt: genetisch ergänzt wurden. Dann kamen Vandalen, Langobarden, Hunnen, später die Magyaren, Slawen … man will sich gar nicht ausmalen, was da mit unserem urkaukasischen Wiener Blut alles passiert sein muss!

Fazit unserer wissenschaftlichen Untersuchung: Der Wiener ist ein keltisch-römisch beeinflusster Altkaukasier, dessen Genmaterial durch germanische Einkreuzungen verunreinigt und später noch mit magyarisch-slawischen Basenpaaren durchmischt wurde.

Zieht man jetzt noch die neuere Geschichte ins Kalkül, die Geschichte der Kaiserstadt eines Vielvölkerstaates, so kommt man zum Ergebnis, dass das berühmte Wiener Blut seine Besonderheit wohl aus der Vielfalt seiner Einflüsse bezieht. Ein bisschen von diesem, ein bisschen von jenem. Aber von allem natürlich nur das Beste.

Habe ich also Wiener Blut? Haben Sie Wiener Blut? Wer hat Wiener Blut? Entscheiden Sie selbst. Und lassen Sie nicht die FPÖ entscheiden!

klasmann.stephan@format.at

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