Stephan Klasmanns "querformat":
Schwer erziehbar

Das fehlte ja gerade noch. Da müssen wir ohnehin schon unseren eigenen durch die Finanzkrise ramponierten Staatshaushalt sanieren, selbst massiv sparen und wohl auch noch ordentliche Steuererhöhungen hinnehmen, und dann helfen wir auch noch den Griechen mit 900 Millionen Euro aus. Nein, populär ist das Hilfspaket für die klammen Athener wirklich nicht.

Nicht nur am heimischen Boulevard kommt die Rettungsaktion schlecht weg. Vor allem in Deutschland, das mit über acht Milliarden Euro die Hauptlast tragen soll, ist man erbost. Schließlich hatte Kanzlerin Angela Merkel erst kürzlich erklärt, für Hellas von Sinnen gäbe es keinen Cent vom deutschen Steuerzahler.

Der Ärger ist begreiflich, denn es widerspricht zutiefst unserem Gerechtigkeitssinn, wenn derjenige, der sich die Suppe leichtfertig einbrockt, sie letztlich nicht auslöffelt, sondern sie stattdessen auch noch anderen halb verdorben in den Kühlschrank schummelt. Ähnliche Gefühle kamen erst unlängst beim Hilfspaket für die Banken hoch, und auch Erziehungsberechtigten sind sie nicht fremd. Hundertmal haben Sie Ihrem pubertierenden Sprössling verboten, mit dem Skateboard die Einfahrt herunterzufahren. Zu steil, zu gefährlich. Dann liegt er eines Tages schließlich da, weinend, ein Bild des Jammers, blutig aufgeschürft und mit zwei gebrochenen Armen. Und jetzt können Sie ihn auch noch vier Wochen lang füttern, duschen und pflegen, weil zwei Gipsarme ein gutes Argument gegen jede Form von Selbstversorgung und Hausarbeit sind. Man kann das Jüngel schließlich nicht verhungern lassen.

Bei der Hilfe für die Hellenen ist es nicht anders, auch wenn hier als Triebfeder nicht elterliches Mitgefühl, sondern schlichte Notwendigkeit dient. In den Bilanzen europäischer Banken liegen rund 30 Milliarden Euro in griechischen Anleihen. Das wäre an sich noch ganz gut verkraftbar. Aber es finden sich dort auch noch 180 Milliarden Euro portugiesische Staatspapiere – was schon weniger leicht zu verdauen ist – und spanische Bonds im Wert von astronomischen 820 Milliarden Euro. Deren Kursverfall wäre absolut nicht mehr zu bewältigen.

Worum es also geht – und das ist auch das Einzige, was die Hilfsaktion der Euroländer rechtfertigt –, ist das Vermeiden eines Dominoeffektes. Nicht ein Staatsbankrott Griechenlands ist das Problem – das wäre zwar auch nicht lustig, aber keineswegs systembedrohend –, sondern eine potenzielle Pleite Spaniens. Das bedeutete das Ende der gemeinsamen Währung und mit größter Wahrscheinlichkeit die nächste globale Finanzkrise. Die Unterstützung für die maroden Griechen ist folglich in unserem eigenen Interesse. Das ist zwar extrem ärgerlich, aber nicht wegzudiskutieren.

Das Einzige, was wir versuchen können, ist, den Wiederholungsfall zu verhindern, also – um im obigen Gleichnis zu bleiben – das Skateboard wegzusperren. Das ist bekanntermaßen schon bei Jugendlichen schwierig. Einen souveränen Staat an die Kandare zu nehmen ist eine noch weit heiklere Aufgabe. Auf Lernen durch Einsicht zu hoffen dürfte jedenfalls nicht funktionieren. Die Griechen reagieren auf eigene Weise auf die selbst verschuldete Misere: Sie rüsten zum nächsten Generalstreik. Das fehlte ja gerade noch.

klasmann.stephan@format.at

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