Stephan Klasmanns "querformat":
Schweinegrippe verzweifelt gesucht

Sie werden es in den Medien gehört und gelesen haben: Die Krise ist vorbei. Hurra. Es geht wieder aufwärts, stimmungsmäßig und auftragsmäßig. Gesunde Firmen können wieder den Kapitalmarkt anzapfen, Risikoprämien sinken, Amerikaner wie Deutsche erholen sich, und China boomt sowieso. „Nur“ mehr eine Viertelmillion Leute haben in den USA im Juli ihren Job verloren, ist das nicht großartig? Ich bin enttäuscht. Tief enttäuscht. Seit die WHO die Schweinegrippe zur Pandemie hochgestuft hat, bin ich von gespannter Erregung erfasst und frage mich: Wie wird sie sein, die erste Pandemie, die ich erleben darf?

Und ich habe mir Großes erwartet. Geteiltes Leid, so meine Überzeugung, lässt die besten Seiten in uns erblühen. Die Menschen würden sich um den Hals fallen. Rote und schwarze Abgeordnete – am Krankenbett vereint – vergessen den großkoalitionären Zank und stellen endlich das Gemeinsame vor das Trennende. Das teilen der Leibschüssel verbindet auch über ideologische Grenzen hinweg. Freie Liebe in den Korridoren der Hospitäler, ein gigantisches Rekonvaleszenten-Woodstock auf der Donauinsel – ja, so habe ich mir meine erste Pandemie vorgestellt.

Neben meinem Bett stapeln sich Tamiflu-Päckchen, im Vorzimmer liegen griffbereit die von Ministerin Fekter verteilten Gesichtsmasken, die einst vor Vogelgrippe schützen sollten. Alles ist vorbereitet. Mangels Grippe-Impfung habe ich mich wenigstens gegen Tetanus immunisiert – schließlich will ich ja beim Virus-Stammtisch mit meinen schmerzenden Injektionswunden prahlen. Und jetzt das. Seit Monaten suche ich in meinem doch beachtlichen Bekanntenkreis fieberhaft nach einem Schweinegrippe- Opfer. Vergeblich. Ich kenne nicht einmal jemanden, der jemanden kennt, den die schreckliche Pandemie gestreift hätte. Nicht einmal meine Hausärztin kann sich der persönlichen Begegnung mit einem Infizierten rühmen, wohl aber jener mit panischen Patienten, die bei jedem Schnupfen auf einem Bluttest bestehen. Auch auf Schweinegrippe-Partys hat man mich noch nicht eingeladen. Ich bin einfach out. Ungern, aber doch muss ich zugeben: Ich kenne A/H1N1 nur aus der Zeitung. Und das ist nicht viel, denn was von Zeitungen zu halten ist, weiß ich ja wohl am besten.

Ehrlich gesagt habe ich langsam Zweifel daran, dass das überhaupt noch etwas wird mit meiner ersten Pandemie. Die Statistik spricht gegen mich. Ende Juli gab es in Österreich gerade einmal 117 bestätigte Infektionen. Die Chance, einen von den Infizierten zu kennen, liegt bei 1:68.000. Das ist fürwahr nicht üppig. Der Vergleich mit 6 aus 45 würde sich aufdrängen, gäbe es da nicht noch ermutigende Neuigkeiten aus Deutschland. Zu den dort bekannten 3.349 Fällen meinte ein prominenter Virologe, dass es viel mehr Infizierte gäbe. Die Dunkelziffer sei enorm, weil viele die Krankheit gar nicht bemerken würden.

Neue Hoffnung
Das gab mir zunächst Hoffnung: Vielleicht kenne ich massig Schweinegrippevirusträger und weiß es gar nicht, weil die es ja nicht einmal selber wissen! Vielleicht ist ja ständig überall Schweinegrippe-Party, und die Gäste infizieren sich in naiver Ahnungslosigkeit gegenseitig, ohne das überhaupt zu checken! Doch auf das kurze Stimmungshoch folgte jähe Ernüchterung. Vielleicht, so traf es mich wie ein Keulenschlag, hatte ich ja selbst schon H1N1, ganz ohne es zu erkennen. Ich will ja nichts sagen, aber so habe ich mir eine Pandemie nicht vorgestellt. Eine Krankheit, die ich nicht einmal bemerke, ist irgendwie uncool. Wo bleibt da der Nervenkitzel? Was soll ich meinen Enkeln erzählen? Euer Opa hat eine grässliche Seuche überlebt, weiß aber nicht, ob er sie überhaupt gehabt hat. Lachhaft.

Aber etwas kommt mir doch seltsam vor: Wieso fürchten wir uns eigentlich alle vor einer Krankheit, deren Verlauf in vielen Fällen offenbar unter unserer Wahrnehmungsschwelle bleibt?

klasmann.stephan@format.at

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