Stephan Klasmanns "querformat": Rettet die Spekulanten!

Zwei Grundaxiome bestimmen mehr oder weniger weltweit die Steuerpolitik. Erstens: Statt zu sparen ist es für Politiker immer einfacher, neue Steuern einzuführen. Zweitens: Neue Steuern werden am besten bei denjenigen eingehoben, die eh keiner mag, weshalb kein öffentlicher Aufschrei zu erwarten ist. Wen mag man derzeit nicht? Reiche, Spekulanten und Banken.

Unter Reichen und Banken kann man sich üblicherweise etwas recht Konkretes vorstellen: da reiche Pinkel, dort Marmorpaläste. Was aber sind Spekulanten? In den Augen mancher Politiker offenbar das personifizierte Böse, das mit hinterhältigen Geschäften die Weltwirtschaft aus dem Gleichgewicht bringt. Vor allem die Termin- und Optionsgeschäfte, bei denen mit geringem Einsatz und in kurzer Zeit hohe Gewinne möglich sind, werden gerne dämonisiert.

Doch in Wahrheit sind Spekulanten, also Investoren, die auf kurzfristige Kursänderungen setzen, notwendige Partner am Kapitalmarkt, ohne die dieser nicht funktionieren würde. Wenn sich eine heimische Pensionskasse beispielsweise mit ATX-Futures gegen Verluste an der Wiener Börse absichern möchte, so gelingt das nur, wenn auf der anderen Seite jemand bereit ist, dieses Kursrisiko zu übernehmen, weil er glaubt, dass die Kurse nicht fallen, sondern steigen. Wenn ein Bauer sich den Erlös seiner Weizenernte sichern will, um vor möglichen Abstürzen an den Rohstoffbörsen gefeit zu sein, so schließt er ein Warentermingeschäft ab, bei dem er sich den Verkaufspreis vorab garantieren lässt. Doch auch das braucht jemanden als Partner, der bereit ist, dieses Risiko quasi zu kaufen.

Ohne die verhassten Spekulanten gibt es folglich keine Absicherungsgeschäfte, keine Kapitalerhöhungen (warum sollte ein Anleger neue Aktien kaufen, wenn nicht in der Hoffnung, dass sie steigen werden?) und auch keine betrieblichen Investitionen. Denn auch ein Unternehmer kauft eine neue Maschine nur in der Erwartung, sie in möglichst kurzer Frist gewinnbringend auslasten zu können.

Man muss den Spekulanten auch zugute halten, dass sie – wenngleich aus egoistischen Gründen – ein wichtiges Korrektiv für Fehlentwicklungen sind. Die Ölpest würde BP vermutlich nur halb so sehr kratzen, würde nicht der Absturz des Aktienkurses den Konzern zum potenziellen Ziel einer Übernahme machen. Wären die griechischen Anleihen an den Börsen nicht ins Bodenlose gefallen, hätte sich vermutlich noch jahrelang kein Mensch darum gekümmert, wie es eigentlich um die Wirtschaft der Hellenen bestellt ist. Auch sie selbst nicht: Vergangene Woche haben die Athener Behörden die Beamten aufgefordert sich per Internet zu melden und kundzutun, was sie eigentlich für eine Funktion haben. Erstmals werden nun in Griechenland die Beamten gezählt.

Das ist so skurril und absurd, dass einem die Worte fehlen. Aber dennoch kein Einzelfall: In der argentinischen Wirtschaftskrise forderte der damalige Präsident Menem die Beamten auf, sich alle am Tag X an ihrem Arbeitsplatz zu melden. Die Folge waren völlig überfüllte Ministerien mit herumirrenden Menschen, die zwar vom Staat bezahlt wurden, aber weder einen Arbeitsplatz noch eine Arbeit hatten. Fazit: Vielleicht wäre es doch besser, staatlicherseits zu sparen, als auf – vielleicht unsympathische, aber notwendige – Teilnehmer am großen, internationalen Wirtschaftsspiel hinzudreschen.

klasmann.stephan@format.at

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