Stephan Klasmanns "querformat":
Propheten werden nicht gewählt

Der Islam ist nicht demokratisch - der Papst auch nicht

So viele Sprachen du sprichst, so oft bist du Mensch. Alleine unter diesem Aspekt ist der Vorstoß des Wiener Bürgermeisters Michael Häupl, von Lehrern, die an heimischen Schulen Islam unterrichten, gute
Deutschkenntnisse zu verlangen, begrüßenswert. Am fehlenden Demokratieverständnis der Herren wird das leider nichts ändern. Erst vor zwei Wochen hat ein junger Al-Qaida- Kämpfer per Video neue Terrordrohungen gegen Deutschland ausgestoßen – in seiner Muttersprache, in bestem Deutsch. Die Sprache wird’s also nicht richten. Terror ist multilingual. Aber vielleicht beruht die ganze Aufregung um die antidemokratischen Moslem-Lehrer auf einem simplen Missverständnis:
Offenbarungsreligionen wie Judentum, Christentum oder Islam sehen in ihrer durch den jeweiligen Religionsstifter verkündeten Lehre das Wort Gottes, die Wahrheit schlechthin. Und diese Wahrheit kann durch demokratischen Beschluss nicht aufgehoben werden. Aus der Thora ergeben sich eben 613 Handlungsgebote für orthodoxe Juden. Nicht 612 und auch nicht 614. Und selbst wenn manche davon noch so skurril anmuten mögen: Das ist nicht verhandelbar. Man kann nicht Teile des Pentateuch abwählen. Und wenn der Papst meint, einen Holocaust-Leugner in den Schoß der Kirche zurückholen zu müssen, dann kann das der gläubige Katholik nur hinnehmen oder austreten. Aber er kann kein Volksbegehren starten, dem sich der Papst beugen muss.

Eine von einem Boten oder gar dem Sohn Gottes gestiftete Religion ist per se keine demokratische Veranstaltung. Im Gegenteil: Sie hat – siehe Taliban, Kirchenstaat des Mittelalters oder die radikal-orthodoxen Juden – durchaus faschistisches Potenzial. Nämlich dann, wenn der eigene Glaube zum einzig wahren proklamiert wird, sich eine Kirche zur Una Sancta erklärt oder sich die Gläubigen als von Gott einzig erwähltes Volk empfinden. Es ist von einem tief gläubigen Islam-Lehrer schlicht zu viel verlangt, auch noch Konkurrenten wie das Christentum oder den mosaischen Glauben zu bewerben. Wenn Sie zu einem BMW-Händler gehen, wird man Ihnen dort auch nicht sagen, dass das aktuelle Audi-Modell eigentlich ebenfalls ganz nett ist.

Das Verständnis für den unschätzbaren Wert einer toleranten, laizistischen Gesellschaft ist nicht Sache des Religionsunterrichts. Es sollte in einem Pflichtfach „Staatsbürgerkunde“ vermittelt werden. Lehrreich-abschreckende Beispiele für religiösen Fanatismus gibt es genug. Aber vielleicht sollten wir unsere liberale, bürgerliche Staatsform auch selbst wieder mehr schätzen lernen. Natürlich gibt es inkompetente, korrupte Politiker. Aber die meisten machen ihren Job mit hohem Engagement und für – gemessen an der Arbeitzeit – überschaubaren Lohn. Das dauernde mediale Desavouieren unserer demokratischen Vertreter unterminiert auf Dauer den Respekt der Bürger vor der Demokratie an sich. Unser politisches Verhalten hat Beispielwirkung, nicht nur im Inland. Warum sollten Iraker, Pakistani oder Afghanen, die mit Demokratie nach westlichem Muster vor allem die USA assoziieren, nach Abu Ghraib und Guantánamo irgendetwas an dieser Staatsform besser oder erstrebenswerter finden als an der Mullah-Diktatur im Iran? George W. Bushs verhängnisvolles Vermächtnis ist es, die Demokratie vor allem in der arabischen Welt diskreditiert zu haben. Dieser Respekt wird nicht durch Deutsch lernende Islam-Lehrer zurückkehren, sondern dadurch, dass wir die humanistischen Werte, die unsere Bundesverfassung durchwirken, auch tatsächlich leben. Religiöse Freiheit ist nämlich paradoxerweise nur in einem kompromisslos laizistischen Staat möglich.

klasmann.stefan@format.at

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