Stephan Klasmanns "querformat": Politische Prinzipien gelten solange sie nützlich sind

Ja das waren noch Zeiten. Vom keltischen Tiger war die Rede, vom Wirtschaftswunder auf der Grünen Insel, vom Wachstumsparadies...

Als sich die EU nach jahrelangen, mühseligen Verhandlungen 2008 endlich eine neue Verfassung geben wollte, um die Integration Europas voranzutreiben, erklärten die Iren – die in den vergangenen Jahren immerhin 40 Milliarden an EU-Förderungen einstreifen durften – in einem Referendum im Juni 2008 (das war vor Lehman) ganz cool und deutlich chan eil, sprich: nein. Der stolze grüne Tiger, so ließen die EU-Gegner wissen, werde sich seine Souveränität von den fußlahmen europäischen Partnern doch nicht noch weiter einschränken lassen.

Das war natürlich sehr heldenhaft und wurde zwischen Dublin und Galway auch entsprechend gefeiert. Doch ein Blick in die irischen Heldensagen zeigt: Sie gehen meist schlecht aus. So auch diese. Und so muss sich die Grüne Insel nun nach einem anderen Wappentier umsehen. Ich schlage den Wendehals vor, also ein ruhmreiches Huhn mit nach hinten gedrehtem Kopf.

Denn schon 16 Monate später (aber eben nach Lehman) hat man sich eines andern besonnen. Eine Zwei-Drittel-Mehrheit befand nun, dass die EU-Partner eigentlich ganz tolle Kumpels sind, egal ob sie nun Guinness trinken oder Löwenbräu. Bei steifer Brise tut Kuscheln gut, und außerdem: Was geht mich mein Unsinn von gestern an. Da passt ins Bild, dass es die irische Regierung bis zur Vorwoche ausgeschlossen hat, unter den EU-Rettungsschirm zu schlüpfen, während ohnehin alle wissen, dass es nur eine Frage der Zeit ist, wann Dublin die weiße Fahne hisst.

Aber die Spezies Wendehals (collum circumvertum vulgaris) ist ja keineswegs vom Aussterben bedroht. Im Gegenteil. Gerade in unsicheren Zeiten, wie wir sie jetzt durchleben, wird praktisch der gesamte Globus zu ihrem natürlichen Habitat. Etwa das Weiße Haus.

Hatten uns die Amerikaner nicht stets den freien Markt gepredigt? Waren sie nicht die Vorkämpfer für die maximale Liberalisierung von Handel und Finanzen? The land of the free? Jenes der unbegrenzten Möglichkeiten?

Nun, es ist zumindest das Land der unbegrenzten Möglichkeit, seine Meinung zu ändern. Und so schlug Präsident Obama, assistiert von Finanzminister Geithner, am G-20-Gipfel allen Ernstes vor, den Handelsüberschuss von Staaten auf vier Prozent vom BIP zu beschränken. Das ist genau betrachtet nichts anderes als Protektionismus pur, um die in vielen Bereichen nicht mehr konkurrenzfähige US-Wirtschaft zu stützen. Früher hätte man gesagt, das ist unamerikanisch.

Und wer schützt den Freihandel?

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel, weil die hat ja die Exportüberschüsse. Früher hätte man gesagt, das ist uneuropäisch.

Iren, Deutsche, Amerikaner – das ist alles nichts gegen die unbestrittenen Wendehals-Weltmeister. Und das sind die Chinesen. In einem Land, in dem die Funktionäre der kommunistischen Einheitspartei fröhlich mit der Mao-Bibel winken, wird gleichzeitig der absolute Brutal-Kapitalismus gelebt. Revolutionäre im Rolls-Royce. Der große Vorsitzende rotiert wohl so schnell im Grab, dass selbst die Red-Bull-Techniker über die Drehzahl erstaunt wären.

Mich schaudert’s. Eine Welt der Wendehälse. Aber war es je anders? Politische Prinzipien gelten immer nur, solange sie nützlich sind. Und einträglich.

- Stephan Klasmann

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