Stephan Klasmanns "querformat":
Politische Bildung

Die Studenten haben Recht. Die Situation ist an vielen Hochschulen wenig ersprießlich. Überfüllte Hörsäle, schlecht organisierte Seminare, überbordende Bürokratie, mangelnde technische Ausrüstung und zu wenig Lehrpersonal bieten ein breites Feld für Verbesserungen.

Doch ein Sprichwort rät, wir mögen mit unseren Wünschen vorsichtig umgehen, denn sie könnten in Erfüllung gehen. Diese Warnung sollten unsere protestierenden Studiosi beherzigen. Viele der Forderungen, die derzeit in und vor den Universitäten gestellt werden, hätten, würden sie erfüllt, heftige Nebenwirkungen, die gar nicht im Sinne ihrer Erfinder wären.

Etwa „freier Hochschulzugang“. Das ist ja an sich ganz nett, wird aber mit dem Wunsch nach gelichteten Reihen im Seminarraum nur schwer zusammengehen. Dazu kommt, dass mehr Studenten, die mangels Leistungsdruck – eine Bindung von Stipendien an Noten wird ja strikt abgelehnt – länger studieren, auch mehr Kosten bedeuten. Wer soll die aber bezahlen, zumal eine Wiedereinführung von Studiengebühren für die Demonstranten ja ganz und gar nicht infrage kommt?

Auch das Motto der großen Demo vergangenen Mittwoch „Mehr Geld für Bildung statt für Banken und Konzerne“ ist nicht ganz durchdacht. Denn sind es nicht gerade die bösen Konzerne, die den Jungakademikern nach Ende ihrer Ausbildung die interessantesten Jobchancen bieten? Ich weiß auch nicht, ob die Studenten tatsächlich ähnlich behandelt werden wollen wie die Banken: Immerhin zahlen die Geldinstitute für das irreführend gerne „Staatszuschuss“ genannte Partizipationskapital jährlich acht Prozent Zinsen. Die durchschnittlichen Staatsausgaben je Uni-Absolvent liegen derzeit bei 114.000 Euro. Zu ähnlichen Konditionen verzinst wie die Mittel aus dem Bankenpaket, müsste jeder Student für seine Ausbildung jährlich 9.000 Euro nur an Zinsen zahlen.

Aber um Ausbildung geht es ja gar nicht, denn gefordert wird „Bildung statt Ausbildung“. Das ist vielleicht auch nicht ganz so intelligent, denn selbstverständlich geht es an der Universität darum, eine Ausbildung zu erhalten. Für Bildung braucht es keine Universität. Sie ist eher Resultat einer Lebenseinstellung, deren einzige Grundvoraussetzungen Lesen und Schreiben sind. Der Beweis dafür sind die vielen höchst gebildeten Nichtakademiker, die ich kennen lernen durfte.

Aber wir wollen nicht kleinlich sein. Auch wenn die Transparente der Demonstranten noch ein wenig überarbeitet werden könnten – die Studentendemos sind dennoch eine großartige Sache. Seit geraumer Zeit wird der jungen Generation stets mit leisem Vorwurf nachgesagt, an den gesellschaftlichen Vorgängen keinen Anteil zu nehmen. Soziologen runzelten die Stirn ob der komasaufenden Jugend, der persönliche Bequemlichkeit alles, Arbeit und Solidarität aber nichts bedeutet. Spaßgesellschaft eben.

Und jetzt das! Politikverdrossenheit sieht jedenfalls anders aus. Ein Hauch 68er-Flair umweht die heimischen Unis. Und selbst wenn am Ende dieser Proteste nichts anderes steht als ein Mehr an politischer Wachheit, eine größere gesellschaftliche Sensibilität, hätte sich die Sache schon gelohnt. Käme dazu auch noch ein höheres Bildungsbudget – etwa gegenfinanziert durch die den Studiosi so verhassten Studiengebühren –, wäre es freilich noch besser.

klasmann.stephan@format.at

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