Stephan Klasmanns "querformat":
Pleite im Palmenhaus

Dieser Tage durchströmte mich ein Gefühl tiefer Erleichterung: Die staatliche Immo-Holding des Öl-Emirats Dubai kann ihre Schulden nicht bedienen. Das hat mich sehr beruhigt. – Ich bin ja ein biederer Freund des Hausverstandes und glaube fest an gewisse eherne Gesetze. Umso mehr verunsichert es mich, wenn die gewohnte Welt offensichtlich aus den Fugen gerät. Wenn etwa Werner Faymann im Parlament eine packende, inhaltsreiche Rede hielte oder man einen Tour-de- France-Sieger nicht nachträglich des Dopings überführte – es wäre zutiefst irritierend. Stellen Sie sich vor, eine ganze Woche zu verleben, ohne den nackten Busen von Paris Hilton und das intelligente Lächeln von Richard Lugner zu sehen – da spürt man schon: Irgendetwas stimmt nicht, das kann nicht sein.

Und so ist es ja auch in der Wirtschaft. Wenn mir etwa mein persönlicher Finanzberater acht Prozent Zinsen zusagt, und daran den vermeintlich sedierenden Nachsatz „ganz ohne Risiko“ hängt, da würde ich erst recht nervös. Auch mündelsichere Immobilienaktien haben in meinem Weltbild keinen Platz, ebenso wenig wie Finanzminister, die zugeben, dass sie Steuern erhöhen müssen. So was gibt’s nicht.

Deswegen bereitete Dubai meiner Kleingärtnermentalität stets Qual. Aufmerksam habe ich jahrelang verfolgt, wie an trostlosen heißen und lebensfeindlichen Gestaden ein Büroturm nach dem anderen hochgezogen wurde, wie riesige Mengen Sand vom Meeresgrund nach oben gepumpt und zu einer merkwürdigen Insel aufgeschüttet wurden. Und stets hatte ich dieses ungute Gefühl, Zeuge eines nachgerade widernatürlichen Vorgangs zu sein. Warum sollte sich ein Neureicher um einen zweistelligen Millionen-Dollarbetrag einen Bungalow auf einer Sandpalme kaufen, nur um dort neben anderen Neureichen herumzusitzen, die er in Wahrheit für dämlich hält, weil sie sich um einen zweistelligen Millionen-Dollarbetrag einen Bungalow auf einer Sandpalme kaufen? Zweitens: Gibt es überhaupt genug Neureiche? Ein tragbares Business-Modell, glaubte ich – und hoffte ich insgeheim –, sieht anders aus. Doch die Insel wuchs, ebenso die Hochhäuser, und mit jedem Stockwerk wurde mein kleinliches Weltbild Lügen gestraft.

Bis vergangene Woche. Nicht schadenfroh, sondern erleichtert stelle ich nun fest, dass der Hausverstand doch obsiegt. Es ist eben DOCH verrückt, eine gigantische Retortenstadt in die Wüste zu bauen, und es ist DOCH keine geniale Geschäftsidee, Millionen Tonnen Sand ins Meer zu kippen und darauf eine Art Karl-Marx-Hof für Superreiche zu errichten. Seitdem schlafe ich besser. Mit der Welt im Reinen ist gut ruhen.

Doch noch etwas hat sich seit vergangener Woche verändert. Plötzlich tauchen in Zeitschriften und Wirtschaftssendern gehäuft Propheten auf, die den Absturz Dubais stets vorhergesehen haben. Ob Analyst, Investmentbanker und Beteiligungsmanager – sie alle haben es immer schon gewusst: Das kann nicht gut gehen, mindestens 15 Jahre werde es dauern, bis die Überkapazitäten an Büroflächen aufgesogen würden. Merkwürdigerweise haben sie es aber nicht gesagt. Wahrscheinlich aus Bescheidenheit, um ihre seherischen Gaben nicht so zur Schau zu stellen. Merkwürdig auch, dass es offensichtlich jemanden gegeben haben muss, der den Wüstenkonstrukteuren jene 50 Milliarden Dollar geborgt hat, die sie jetzt schuldig bleiben. Aber auch das ist ein Fall für den Hausverstand.

klasmann.stephan@format.at

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