Stephan Klasmanns "querformat": Pandora 2.0

Dass der Mensch aus Schaden klug werde, ist eine Erfindung realitätsferner Optimisten.

Göttervater Zeus war seinerzeit ziemlich sauer auf Prometheus, der das Feuer gestohlen und auf die Erde gebracht hat. Also sann er auf Rache und schuf – die erste Frau. Die Götter gaben ihr Schönheit, Charme, Eloquenz mit auf den Weg (deswegen der Name: die Allbeschenkte), um die Männer zu verführen und zu verderben, sowie eine Büchse, die alle Laster und Untugenden enthielt. Der Rest ist bekannt, und die Folgen sind allerorten zu besichtigen: Die Büchse wurde geöffnet, und Kummer und Unbill verteilten sich über die Erde.

Jetzt hat Pandora auch die Börse erreicht, und siehe da, eine weitere Plage aus ihrer Büchse wird offenbar: die Vergesslichkeit. Pandora, ein Internetradio-Unternehmen, ging diese Woche an die Börse. Noch im April wurde ein Emissionskurs zwischen 7 und 9 Dollar angegeben, woraus sich ein stolzer Unternehmenswert von 1,2 Milliarden Dollar errechnete. Wegen des regen Interesses wurde er im Mai auf 12 Dollar hinaufgesetzt, und tatsächlich ausgegeben wurden die Papiere nun mit 16 Dollar, was einem Börsenwert von 2,5 Milliarden Dollar entspricht. Nur Stunden nach der Erstnotiz schraubten begeisterte Anleger den Börsenwert sogar auf 4 Milliarden. Ein Kurs-Gewinn-Verhältnis lässt sich für die Company leider nicht errechnen, denn dafür fehlt Entscheidendes: nämlich Gewinn. Noch nie hat Pandora auch nur einen Cent verdient. Ein Umsatz von lächerlichen 51 Millionen Dollar im ersten Quartal 2011 bescherte dem Unternehmen 9 Millionen Dollar Verlust. Woran erinnert uns das?

Vor vier Wochen gab das Berufsnetzwerk LinkedIn sein Börsendebüt. Hielt man ursprünglich einen Unternehmenswert von 3 Milliarden – entsprechend einem Kurs von 30 Dollar – für ambitioniert, so rissen sich die Investoren beim Emissionskurs von 45 Dollar die Stücke aus der Hand und trieben den Kurs bereits am ersten Tag auf über 100 Dollar. Und was verdient so ein 10-Milliarden-Dollar-Konzern? 2010 waren es 15 Millionen Dollar aus 243 Millionen Umsatz, woraus sich ein KGV von weit über 600 ergibt. Woran erinnert uns das?

Ebenfalls diese Woche konkretisierten sich die Börsenpläne von Facebook. 2012 soll die Emission über die Bühne gehen, wobei die Bewertung bei 100 Milliarden Dollar liegen soll. Dem stehen für die ersten neun Monate 2010 1,2 Milliarden Umsatz und 355 Millionen Dollar Gewinn gegenüber. Selbst großzügig auf das Gesamtjahr hochgerechnet, ergibt sich immer noch ein KGV von 200. Und selbst wenn das weltgrößte Social Network seine Mitgliederzahl von 550 Millionen nochmals verdoppeln kann – wo sollen jemals die mindestens 5 Milliarden Dollar Gewinn herkommen, die den angestrebten Börsenwert wenigstens halbwegs rechtfertigen könnten? Und woran erinnert uns das?

Genau! Es erinnert uns an Dotcom-Blase 1.0 aus dem Jahr 2000. Es erinnert uns an gloriose Hypes um illustre Unternehmen wie EM.TV, dessen Kurs sich vervierhundertfachte, ehe es, begleitet von spektakulären Gerichtsverfahren, wieder in der Versenkung verschwand. Oder an die Moorhuhnerfinder Phenomedia (aktueller Kurs 6 Cent), oder an die Neuer-Markt-Rakete Pandatel (aktuell 20 Cent), oder an TV Loonland (3 Cent). Es erinnert uns daran, dass der Spruch, der Mensch werde aus Schaden klug, Erfindung realitätsferner Optimisten ist, und daran, dass man sich mit Göttervätern lieber nicht anlegt. Zeus’ Rache an uns, den Nachfahren des Titanen Prometheus, ist jedenfalls gelungen. Pandora wurde ein voller Erfolg.

- Stephan Klasmann

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