Stephan Klasmanns "querformat": Osama bin Ladens wahrer Triumph

Das Sicherheitsgetue am Flughafen ist nur ein riesiger Popanz.

Die Post bringt allen was. Angela Merkel beispielsweise eine Brandbombe, ein paar jüdischen Gesellschaften in den USA nett verpackte Sprengsätze. Uns bringt sie damit Zores. Weil nämlich der Sprengstoff in Druckerpatronen gefüllt war, haben die Sicherheitsbehörden ungesäumt bedeutende Maßnahmen zu unserem Schutz und Heil getroffen: Ab sofort dürfen keine Druckerpatronen mit mehr als 500 Milliliter Füllmenge im Handgepäck mitgenommen werden. Na bumsti! Das nenne ich energische Sicherheitspolitik.

Nun ist diese Einschränkung eine durchaus erträgliche. Schon bisher kannte ich nur wenige Leute, die im Flugzeug um ihren Sitzplatz eine IT-Landschaft mit Laptop, Drucker, Scanner und sonstiger Peripherie aufbauen. Die Erkenntnis, warum Fliegen deswegen sicherer werden soll, verschließt sich mir jedoch.

Das war in der Vergangenheit freilich auch so. Dem verhinderten Schuhbomber verdanken wir es, dass wir uns insbesondere bei Flügen in die USA mehrfach die Prada-Patscherln von den Füßen reißen müssen. Davor war das jedem Cop egal. Am Flughafen von Miami hat man mein Schuhwerk innert 1.000 Metern und 20 Minuten gezählte viermal durchleuchtet. Immerhin: Die Fußpilzgefahr war damit gebannt, denn die Röntgendosis überlebt kein mehrzelliges Wesen. Sicherer habe ich mich deswegen nicht gefühlt, eher im Gegenteil: Wenn vier Checkpoints nicht so weit miteinander kommunizieren können, dass sie wissen, wer kontrolliert wurde, dann wissen sie nämlich vermutlich auch nicht, wer nicht kontrolliert wurde.

Kurz darauf haben Möchtegern-Taliban probiert, an Bord Flüssigsprengstoff zu mixen. Obwohl laut Chemikern ein völlig untauglicher Versuch, sahen sich die Luftfahrtbehörden genötigt, die Mitnahme von Flüssigkeiten im Handgepäck drastisch zu beschränken. Seither reisen wir mit diesen neckischen Plastikbeuteln und Eau de Toilette im Babyformat. Entsprechend besorgt war ich daher beim Unterhosen-Bomber. Doch zu meiner Beruhigung ist das Tragen von Unterwäsche weiterhin erlaubt. Dafür gibt es ja jetzt die Nacktscanner.

Wäre ich Osama bin Laden, ich würde mich scheckig lachen. Längst trägt unser Sicherheitsfimmel pathologische Züge und verschlingt jährlich mehr Milliarden als der geplante Wiederaufbau der Twin Towers. Der materielle Schaden, den der Terrorchef indirekt verursacht hat, sprengt längst jede Dimension. Und während nun im Personenverkehr kontrolliert wird, dass die Lupe springt, werden im Frachtverkehr nur rund fünf Prozent der Päckchen kontrolliert. Darauf hat die britische Pilotenvereinigung zwar schon seit Jahren hingewiesen, doch erst seit vergangener Woche interessiert man sich dafür.

Längst beschleicht einen das Gefühl, das ganze Sicherheitsgetue am Flughafen ist nur ein riesiger Popanz, aufgebaut, dem Reisenden den beruhigenden Eindruck zu vermitteln, „sieh her, der Staat behütet dich“. In Wahrheit aber gibt es keinen verlässlichen Schutz gegen Terroranschläge. Öffentlicher Verkehr, Trinkwasser, Sportstadien, Theater, Klimasysteme großer Gebäude … die Zahl der möglichen Ziele ist fast unendlich. Wenn wir unsere freie Gesellschaft nicht gegen eine Orwell’sche Totalkontrolle tauschen wollen, dann werden wir lernen müssen, damit zu leben.

- Stephan Klasmann

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten