Stephan Klasmanns "querformat":
Neues Virus an der Wall Street

Vor der eigenen Türe wird die SEC leider immer sehschwächer.

Es ist wahrlich Besorgnis erregend. Immer mehr deutet darauf hin, dass eine schreckliche Infektion die Finanzkreise der USA erfasst. Immer mehr scheint das Eldorado scharfsinniger, beinharter Trader und Broker und ihrer noch härteren Aufsichtsbehörden von einem das Seh- und vielleicht auch das Denkvermögen beeinträchtigenden Virus erfasst zu werden. Ganz besonders deutlich wird das bei der Börsenpolizei SEC. Die einst gefürchteten Beamten galten als besonders scharf und unbestechlich. Knallhart, super ausgebildet und ultracool traten sie gegen die gierigen Gordon Gekos der Kapitalmärkte an. Fast ehrfürchtig erkoren sich ihre europäischen Kollegen die US-Börsensheriffs zu ihrem Vorbild. Und sie machten auch vor den Landesgrenzen nicht Halt. Penibelst wurde der Siemens-Konzern über zwei Jahre hinweg geprüft, und letztlich wurden Schmiergeldzahlungen in Höhe von etwas über einer Milliarde Euro festgestellt.

Doch vor der eigenen Türe scheint die SEC bedauernswerterweise immer sehschwächer zu werden. Trotz mehrmaliger Prüfung war ihnen der 50-Milliarden-Dollar-Betrug des Bernie Madoff entgangen. Ein kleines Versehen, dachten wir nachsichtig
und nichts Böses ahnend. Jeder ist doch schon einmal in einen unauffällig am Straßenrand parkenden Schützenpanzer gelaufen. Was soll’s. Doch nun spricht immer mehr für die Virus-Theorie. Denn auch der mutmaßliche Acht-Milliarden-Dollar-Betrug des Robert Stanford hat sich vor den Augen der SEC abgespielt, ohne freilich bemerkt zu werden.

Doch nicht allein die Börsenaufsicht ist mit anlassbezogener Blindheit geschlagen. Auch andere wichtige Finanzexperten dürften an grauem, grünem oder sonstigem Star leiden. Vielleicht auch unter Star and Stripes. Anders lässt sich kaum erklären, dass die US-Ratingagentur Moody’s für Osteuropa ein Weltuntergangsszenario zeichnet, so als ob hier die größten Risiken für die globale Ökonomie lägen. Dabei bräuchten sie, um die wahre Keimzelle der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg zu sehen, nur aus den Fenstern ihrer amerikanischen
Bürotürme zu schauen.

Dass Moody’s und die kongenialen Kollegen von Standard & Poor’s sich überhaupt noch trauen, zu irgendetwas eine Meinung oder eine Risikoeinschätzung abzugeben, ist ja an sich schon eine Unverfrorenheit. Waren es nicht genau diese Agenturen, die jenen Wertpapieren, die heute als „toxic assets“ – also als giftige Anlagen – bezeichnet werden, hervorragende Bonitätszeugnisse ausgestellt haben? Waren es nicht diese sogenannten Risikoexperten, die reihenweise schwindligen ABS und CDOs oder wie sich der Müll sonst noch abkürzt, AAA-Ratings verpasst haben? Müssten diese Agenturen nicht allein aus Anstand ihre Selbstliquidierung betreiben und ihre Mitarbeiter nicht für den Rest ihres Lebens Sozialarbeit für dank ihrer Inkompetenz Zigtausende Vermögens- und Obdachlose leisten? Nein. Denn sie können ja nichts dafür und haben es nur gut gemeint. Es ist eben dieses Blindheitsvirus. Außerdem gilt: Über Kranke macht man sich nicht lustig, auch nicht über offenbar behinderte Finanzmarktexperten.
Im Gegenteil, voll Mitgefühl wollen wir ihnen ihr Los erleichtern. Und da gäbe es tatsächlich – zur Verbesserung der transatlantischen Beziehungen – ein ideales Geschenk: eine gelbe Armbinde mit drei schwarzen Punkten. Damit können sie die Wall Street zwar auch nicht besser beurteilen, aber selbige wenigstens sicher überqueren.

klasmann.stefan@format.at

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