Stephan Klasmanns "querformat": Neuer Hominide entdeckt!

Eine Analyse der Stellung der Spezies in der Evolution ergibt einen wenig optimistischen Ausblick.

Die Wissenschaft überrascht uns doch immer wieder. Da vermeinen wir schon so viel zu wissen, und doch gibt es immer wieder erstaunliche Erkenntnisse. So wurde erst kürzlich von Wissenschaftlern eine neue, den Hominiden zuzurechnende Unterart entdeckt. Die Forschungsergebnisse wurden querformat exklusiv zugespielt.

Die neue Subspezies wurde vom Wissenschaftlerteam als Homo semisapiens boersensis klassifiziert, da sich die ihr zuzurechnenden Individuen bevorzugt im Umfeld der Börse aufhalten. Ihr Habitat ist nicht auf eine bestimmte geografische Region beschränkt, sondern quasi global.

Diese Art bestreitet ihren Lebensunterhalt durch das Kaufen und Verkaufen von Aktien sowie anderen Wertpapieren und zeigt dabei stark manisch-depressive Züge mit unkontrollierbaren emotionalen Ausbrüchen. Mehrfach wurde beobachtet, dass Semisapiens boersensis etwa in der Früh panisch bestimmte Wertpapiere verkauft, sie wenige Stunden später euphorisch wieder zurückkauft, um sie schließlich vor Handelsschluss wieder panisch zu verkaufen.

Es scheint sich dabei um eine im Vergleich zu Homo sapiens sapiens – also FORMAT-Leserinnen und -Lesern – eher instinkt- beziehungsweise hormongesteuerte Subspezies zu handeln, deren rationales Entscheidungsvermögen deutlich eingeschränkt ist. Auffällig ist auch das stark ausgeprägte Herdenverhalten: Verkauft einer von ihnen, so verkaufen auch alle anderen, kauft einer, so ziehen alle anderen aus Furcht, etwas zu versäumen, nach. Um kognitive Dissonanzen zu vermeiden, bestätigen sich die Individuen gegenseitig die eben getroffenen Entscheidungen mit scheinrationalen Stereotypen: „die Welt geht unter“, „jetzt kommt der Boom“, „das ist der Crash“, „ tolle Kaufchance“, „total überbewertet“, „völlig unterbewertet“ und so fort.

Was die Ernährungsgewohnheiten betrifft, so hängt die Atzung des Semisapiens boersensis stark von der Entwicklung der Kurse ab. Steigen diese, so ernährt er sich bevorzugt von Champagner und Kaviar, ist die Marktentwicklung negativ, so wird der Stoffwechsel auf Psychopharmaka und harte Alkoholika umgestellt.

Eine Analyse der Stellung der Spezies in der Entwicklung der Mehrzeller ergibt einen wenig optimistischen Ausblick. Aus heutiger Sicht dürfte es sich bei Homo semisapiens boersensis um eine Sackgasse der Evolution handeln. Verhalten und soziale Struktur lassen darauf schließen, dass diese Subspezies demnächst aussterben könnte. Die depressiven Schübe mit akuter Selbstmordgefährdung nehmen seit einigen Jahren in der gesamten Population spürbar zu. Dennoch hält es das Forschungsteam nicht für nötig, die Spezies auf die rote Liste bedrohter Arten zu setzen, da ihr Aussterben keinen merkbaren Verlust im globalen Genpool darstellen dürfte.

Individuen der weiterentwickelten Spezies Homo sapiens sapiens raten die Experten, sich von Semisapiens boersensis nach Möglichkeit fernzuhalten. Von einer Paarung ist unbedingt abzusehen, da die genetischen Folgen nach heutigem Stand der Wissenschaft nicht abgeschätzt werden können. Über Ergebnisse künftiger Forschungen wird querformat selbstverständlich weiter berichten.

- Stephan Klasmann

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