Stephan Klasmanns "querformat": Nackter Wahnsinn an der Wiener Oper

Balletttänzer sind auch auf der Bühne nicht immer bekleidet.

Ich denke mir, dass ich als Mensch ein Recht habe, das nicht verhandelbar ist. Dazu gehört mein eigener Körper, und was ich mit dem mache, bestimme immer noch ich.“ Dieser Satz könnte von der Primaballerina des Wiener Staatsopernballetts, Karina Sarkissova, stammen, die wegen erotischer Fotos für die Zeitschriften „Wiener“ und „Penthouse“ fristlos entlassen wurde. Stammt er aber nicht.

Sie sind dem ARD-Interview eines katholischen Kirchenmusikers vom 23. September 2010 entnommen. An diesem Tag hat der Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg unter der Aktennummer 425/03 der Beschwerde des Organisten Bernhard Schüth gegen seine Kündigung recht gegeben. Er war von seinem Dienstgeber, dem Bistum Essen, vor die Kirchentür gesetzt worden, weil er, nachdem seine Ehe in die Brüche gegangen war, mit einer anderen Frau eine Lebensgemeinschaft gründete, was katholischen Moralvorstellungen bekanntermaßen zuwiderläuft, die die Ehe als unauflösliches Sakrament sieht.

Straßburg gab dem Beschwerdeführer schließlich recht

Nicht einmal eine Gesinnungsgemeinschaft wie die Kirche – und da wäre es immerhin noch irgendwie argumentierbar – hat das Recht, ihre Moralvorstellungen nach Gutdünken auch ihren eigenen Mitarbeitern zu oktroyieren.

Wie dann erst ein Opernunternehmen, das ich mit meinem, Sie, verehrungswürdige Leserin, geschätzter Leser, mit Ihrem und alle Österreicher mit ihrem Steuergeld subventionieren. Was geht es den von uns hochbezahlten Herrn Operndirektor Dominique Meyer an, ob sich eine Angestellte seines Hauses nackt fotografieren lässt? Was geht es den Ballettchef Manuel Legris an, der sich noch dazu selbst vielfach splitternackt hat ablichten lassen? Gar nichts geht es sie an. Noch dazu sprechen wir hier nicht von einem Hardcoreporno, sondern von ästhetischer Aktfotografie, die auch nicht mehr zeigt als die berühmte Seite sieben der „Kronen Zeitung“.

Herr Meyer sieht die „Würde des Hauses“ verletzt!

Das ist ja der Gipfel der Doppelmoral! Es ist nämlich keineswegs so, dass Balletttänzer bloß bekleidet auf der Bühne stehen. Wo bleibt da etwa die „Würde des Hauses“ beim Stück „Nudo“, einer Choreografie des ehemaligen Leiters des Volksopernballetts Giorgio Madias, das, wie der Name schon sagt, über weite Strecken auch ganz ohne Kleidung auskommt?

In welchem Jahrhundert lebt Herr Meyer? Und wer ist er, dass er sich anmaßt, in einem Staatsbetrieb seine eigenen verzopften Moralvorstellungen brachial gegen eine junge Frau durchzusetzen? Unzählige Sportler und Sportlerinnen im In- und Ausland haben sich nackt fotografieren lassen, ohne dass es dem Sport geschadet hätte, von Schauspielerinnen und Schauspielern ganz zu schweigen. Und es wird auch schwierig werden, einen Franzosen zu finden, der die Ehre der Grande Nation dadurch befleckt sieht, dass sich deren aktuelle First Lady mehrfach hüllenlos präsentiert hat. Aber was für Präsident Sarkozy recht ist, das ist für Herrn Meyer offenbar nicht billig.

Fazit: Die Einzigen, die tatsächlich entsorgt werden sollten, sind der Staatsoperndirektor Dominique Meyer sowie sein französischer Nackedei-Ballettchef Manuel Legris. Kündigungsgrund: exzessive Heuchelei auf Staatskosten.

- Stephan Klasmann

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