Stephan Klasmanns "querformat":
Mutterkreuz und Rosenkranz

Eines habe ich in der Politik gelernt: Den Satz „Das gibt’s nicht“, den gibt’s nicht. Das ist eine wahrhaft tiefe Weisheit. Zugegebenermaßen schmücke ich mich hier mit fremden Federn. Denn die Erkenntnis der Omnipotenzialität der heimischen Politik ist nicht meine eigene, sondern jene von Barbara Rosenkranz, geäußert auf die Frage, ob sie eine realistische Chance auf den Einzug in die Hofburg habe.

Sie selbst ist der beste Beweis für ihr eigenes Zitat. Nein, nicht im Lotto, sondern in der Politik ist die Überschreitung der Grenze des Herkömmlich-Denkbaren fast schon Alltag. Die im Geiste eher einfache Frau und zehnfache Mutter wird um das höchste Amt im Staate rittern. An ihrer Seite agitiert jedoch nicht Güldenstern – dann wäre das Theater ja in drei Stunden beendet – sondern H.-C. Strache, dessen Initialen wohl nicht zufällig der chemischen Formel von Salzsäure ähneln. Als eine Art saurer Regen der Innenpolitik will er vornehmlich Grünes und Rotes zum verdörren bringen.

Was aber qualifiziert die niederösterreichische Landesrätin für Baurecht und Tierschutz für das repräsentative Amt? Die Kombination ihrer Zuständigkeiten ließe Merkwürdiges erwarten. Etwa einen Umbau der Hofburg zu einem Streichelzoo, in dem reinrassige deutsche Schäferhunde und Pinzgauer Rinder mit typisch braunem Fell den nationalen Schulterschluss auf animalischer Ebene proben.

Zehnfache Mutter zu sein war früher mal was. Dafür gab es in anderen Zeiten immerhin das Mutterkreuz. Rosenkranzens Wähler werden wohl sagen, dass es die besseren Zeiten waren. Zeiten, über die man eben nicht mehr so unbefangen spricht, wie man sprechen sollte. Findet zumindest Rosenkranz, und tritt für die Aufhebung des Verbotsgesetzes ein. Eigentlich sollte man glauben, das wäre tatsächlich unmöglich, doch es gilt das Rosenkranz’sche Theorem, wonach eben alles möglich ist.

In einem Punkt zumindest vertritt die 51-Jährige ihren Berufsstand wirklich überzeugend. Sie hat die Verweigerung einer einfachen Antwort auf eine einfache Frage – eine in der politischen Kommunikation übliche, wenngleich für Zuseher höchst lästige Praxis – tatsächlich zur hohen Schule entwickelt. „Kurier“-Redakteurin Maria Kern: „Zweifeln Sie selbst an der Existenz von Gaskammern?“ Im Fachjargon bezeichnet man das als geschlossene Frage, weil als Antworten nur Ja oder Nein möglich sind. Im konkreten Fall überhaupt nur Nein, weil alles andere eine höhnische Ignoranz gegenüber dem schlimmsten Kapitel österreichischer Geschichte ist. Nicht so für Rosenkranz. Ihre Antwort: „Mein Geschichtsbild ist das eines Österreichers, der zwischen 1964 und 1976 in österreichische Schulen gegangen ist. An diesem Geschichtsbild habe ich keine Abänderung vorzunehmen.“ Weil man eigentlich nicht weiß, was das nun wieder heißen soll, hakt die Kollegin dankenswerterweise nach: „Das heißt, Sie haben keine Zweifel daran?“ Rosenkranz: „Man kann Geschichte natürlich nur mittelbar wahrnehmen. Was gelehrt wurde, ist auch mein Geschichtsbild.“

Also was jetzt? Ja oder Nein? Gaskammern oder keine Gaskammern, Frau Rosenkranz? Meine Zweifel sind jedenfalls beseitigt. Eigentlich wollte ich die Wahlen auslassen, weil ohnehin klar ist, wer gewinnt. Aber die FP-Kandidatin hat mich restlos überzeugt. Ich werde meine Stimme am 25. April ganz bestimmt abgeben, und ganz sicher nicht für Frau Rosenkranz. Und ich ersuche Sie, es mir gleichzutun. Auch in der Politik darf nicht alles möglich sein!

klasmann.stephan@format.at

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