Stephan Klasmanns "querformat": Murphy’s Law und die Tragik von Fukushima

Der Leichtsinn wächst mit dem Quadrat der zeitlichen Entfernung von der letzten Katastrophe.

Am Abend des 26. Mai 1999 geschah Bemerkenswertes: Im Finale der Champions League lag Bayern München nach Ablauf der regulären Spielzeit 1: 0 gegen Manchester United voran. Erste Fans verließen bereits das Stadion mit Transparenten, die die Deutschen als Sieger feierten. Hätten Sie in diesem Moment darauf gewettet, dass die Engländer das Match nicht nur ausgleichen, sondern sogar ohne Nachspielzeit gewinnen würden – Ihre Quoten wären astronomisch gewesen. Und das zu Recht. Die Wahrscheinlichkeit für einen solchen Ausgang lag ganz nahe null.

Aber eben nur ganz nahe. Nach 90 Minuten und 36 Sekunden klingelte es das erste Mal im Kasten von Bayern-Tormann Oliver Kahn, exakt 101 Sekunden später bei 92 :17 das zweite Mal. Das Unglaubliche war plötzlich Realität.

So wie in Japan. Selten wurde Murphy’s Law so drastisch und mit so verheerenden Folgen bestätigt. Die Lebensweisheit des US-Ingenieurs Edward A. Murphy lautete schlicht: „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen.“ Selbst ein noch so kleines Restrisiko wird irgendwann einmal schlagend. Ein Erdbeben der Stärke 9,0, gefolgt von einem gigantischen Tsunami, gefolgt von einer Atomkatastrophe in einem vermeintlich sicheren Reaktor. Bis vor einer Woche galt genau dieses Szenario als ein vernachlässigbares Restrisiko. Jetzt sind wir klüger.

Fast genau 25 Jahre nach Tschernobyl werden wir wieder einmal daran erinnert, dass die Kernenergie mit unseren technologischen Mitteln nicht letztgültig beherrscht werden kann. Zwar gibt es bei den uns umgebenden Atommeilern keine Tsunamis und auch keine Beben der Stärke neun, aber vielleicht gibt es anderes, woran wir nicht einmal denken: Wahnwitzige Saboteure, abstürzende Flugzeuge, sich reaktivierende Vulkane in der deutschen Eifel – irgendwann hat das Unwahrscheinliche immer seinen Premierenauftritt. Wie etwa im Februar 1999 in Galtür, als sich erstmals nicht vom gesicherten Nordhang, sondern vom Südhang eine gigantische Lawine löste und 38 Menschen unter sich begrub.

Nun könnte man meinen, dass wir durch Schaden klug werden. Aber das ist einer der hartnäckigsten Irrtümer. Liegt der Schaden nämlich nur lange genug zurück, dann wird die Gefahr – obwohl objektiv gegeben und rational beweisbar – zunehmend ignoriert. Der Leichtsinn wächst mit dem Quadrat der zeitlichen Entfernung von der letzten Katastrophe. Denn der Tsunami der Vorwoche ist ja keineswegs der erste, der diese Küste betroffen hat, und es ist auch keineswegs das erste starke Beben in genau dieser Region. Wie also kann man auf die Idee kommen, ein Kraftwerk in einer Erdbebenzone direkt am Meer zu platzieren?

Ganz einfach: genauso, wie Tausende Menschen ihre Häuser in die rote Zone von Überschwemmungsgebieten bauen, wie Zigtausende an den Flanken des Vesuvs ihre illegalen Siedlungen errichten (schöne Aussicht aufs Meer!) und wie närrische Autofahrer im Blindflug in der Kurve überholen (da kommt einem ja eh nie jemand entgegen). Optimismus kann noch viel tödlicher sein als das Rauchen.

„Es wird schon nichts passieren“ verdient einen Ehrenplatz in der Sammlung berühmter letzter Worte. Aber am Ende trägt das Unwahrscheinliche doch immer wieder den Sieg über die Unbelehrbaren davon. Das ist die Tragik von Fukushima.

- Stephan Klasmann

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