Stephan Klasmanns "querformat":
Mit 200 in die Mauer

Jetzt ist er also endlich vorbei, der Jahrestag der Lehman- Pleite. Und von Obama bis Trichet, von Bernanke bis Merkel haben uns alle wissen lassen: So etwas darf sich nicht wiederholen, wir müssen aus diesem Finanzcrash unsere Lehren ziehen. Aber was für Lehren? Etwa, dass hoch geachteten Ratingagenturen wie Moody’s oder Standard & Poor’s nicht zu trauen ist? Diese Konsequenz zieht man merkwürdigerweise nicht. Schließlich warnen die gleichen Bonitätsexperten, die damals Schrottpapieren die Höchstnote AAA gegeben haben, heute eifrig vor Risiken in Bankbilanzen, die erst durch ebenjene Junk-Bonds entstanden sind, die sie einst selbst empfohlen hatten. Da haben wir also offensichtlich nichts gelernt.

Was dann? Vielleicht, dass Politiker, Wirtschaftsgurus und Spitzenmanager im Ernstfall keine Ahnung haben? Die vergangenen zwölf Monate waren so reich an Fehlprognosen wie niemals zuvor. Erst wurden die Folgen der Krise völlig unterschätzt – der deutsche Finanzminister ließ uns etwa wissen, dass das US-Subprime-Desaster sein Land nur peripher betreffen werde. Dann wurde die Dramatik völlig übertrieben, bis hin zu Prophezeiungen, wonach Österreich vor dem Staatsbankrott stehe. Keiner der tollen Manager, Banker und Analysten war richtig gelegen, und wenn doch, dann war es wohl der statistischen Wahrscheinlichkeit zu danken, die auch blinde Hühner Körner finden lässt. Aber als Quintessenz der schwersten Wirtschaftskrise seit 1929 ist das eine zugegebenermaßen eher banale Erkenntnis.

Was also können wir schließlich wirklich aus der Krise lernen? Ich hatte die Hoffnung auf entsprechende Erleuchtung schon fast aufgegeben, als Flavio Briatore in mein Leben trat – zwar nicht persönlich, doch medial –, und plötzlich war alles klar. Der mittlerweile zurückgetretene Chef des Formel-1-Teams von Renault hat mehr oder weniger deutlich eingestanden, den einen seiner beiden Fahrer zu einem absichtlichen Unfall gedrängt zu haben, damit der andere Weltmeister wird. Man stelle sich das einmal vor: Da muss jemand mit 200 km/h in die Mauer fahren, sich und natürlich auch die nachkommenden Piloten extrem gefährden, nur damit sich die Chancen eines anderen auf den WM-Titel verbessern. Dagegen ist Doping oder die Schiebung von Boxkämpfen geradezu Kinderkram. Mir jedenfalls fällt keine irrwitzigere Manipulation eines Sportereignisses ein.

Aber mir fällt Lehman ein. Wenn nur der mögliche Gewinn hoch genug ist, dann sind wir Menschen mehr oder weniger zu allem fähig. Wenn man seinen Bonus durch extremes Risiko in astronomische Höhen schrauben kann, dann wird die Versuchung, das auch tatsächlich zu tun, für manche unserer Zeitgenossen sehr groß. Vor allem dann, wenn sie das Risiko nicht selber tragen müssen. Schließlich saß weder Briatore im Auto, noch gehörte den Investmentbankern das jeweilige Institut, für welches sie die gefährlichen Deals abgewickelt haben.

Die Erkenntnis, die wir Flavio verdanken – und die zumindest einen Teil der Ursachen für die aktuelle Wirtschaftskrise erklärt –, ist, dass es so etwas wie eine völlig maßlose Gier nach Erfolg gibt, die jede Konsequenz vergessen lässt. Unser aller Problem ist bloß, dass solche extremen Antriebe – wahrscheinlich als evolutionäres Relikt – in der Natur mancher Menschen liegen. Das ernüchternde Fazit lautet daher: Der nächste Crash kommt bestimmt.

klasmann.stephan@format.at

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten