Stephan Klasmanns "querformat":
Mein Name ist Zilk. Helmut Zilk.

Mata Hari als Mann. Nur Helmut Zilk wusste auf absolut alles eine Antwort.

Ich habe es ja geahnt. Vor etwa einem Jahr saß ich in einem Lokal in der Prager Altstadt und fand dort auf der Speisekarte Salzburger Nockerln, die ich sogleich gustativer Überprüfung unterzog. Das Ergebnis: Sie waren ausgezeichnet. Wie war das, fragte ich mich ganz arglos, so weitab vom natürlichen alpinen Verbreitungsgebiet des komplexen Desserts nur möglich?

Aber jetzt ist ja leider alles klar. Der Helmut Zilk war’s! Der hat den Tschechen doch glatt das Rezept verraten. Wahrscheinlich haben sich die böhmischen Köche durch die Salzburger Spezialität in ihrer weltweiten Süßspeisen-Hegemonie bedroht gefühlt und via Geheimdienst in unserem Altbürgermeister ein durch erhöhten Alkoholkonsum willenloses Plaudertäschchen gefunden. Als Spion in Prager Diensten hat er die wenigen uns noch verbliebenen Staatsgeheimnisse verraten, auf deren Grundfesten unser schönes Österreich ruht.

Denn tatsächlich gibt es einige Merkwürdigkeiten, die die Aufmerksamkeit ausländischer Mächte erregen müssen. Das beginnt schon bei der Einreise. Wie ist es möglich, dass die Österreicher jährlich fünf Milliarden Euro in die ÖBB buttern und die Waggons dennoch immer desolater und die Speisewagenschaffner immer unfreundlicher werden?Was, so fragen sich die tschechischen Doppelnullagenten, steckt hinter dieser erstaunlichen Fähigkeit, mit maximalem Mitteleinsatz ein minimales Ergebnis zu erzielen?

Auch die Anhäufung sinnloser Großbauten macht die ausländischen Geheimdienste längst misstrauisch. Wieso errichtet man ein Kernkraftwerk, wenn man es nachher nicht in Betrieb nimmt? Wieso baut man in der Hauptstadt Brücken über die Donau, die entweder wie die Reichsbrücke einstürzen oder wie die Brigittenauer Brücke mangels Verkehrsanschlüssen kaum erreichbar sind?

Besondere Rätsel geben den nördlichen Nachbarn unsere sportlich-kulturellen Leistungen auf. Wie schafft es das Gastgeberland einer Fußball-EM, sich zweimal hintereinander gegen die Färöer zu blamieren?Warum vergisst man nach dem Doping die Blutbeutel im Papierkorb? Wie kann man Fernsehserien wie „Mitten im 8en“ auf Staatskosten finanzieren, ohne dass die Volksmassen den Senderverantwortlichen lynchen? Wieso gibt es im Binnenland Österreich ein Marinemuseum? Warum nennt man den Zusammenschluss zweier mediokrer Partner „große Koalition“?

Fragen über Fragen, auf die eigentlich niemand so wirklich eine Antwort weiß. Außer natürlich Helmut Zilk. Er wusste immer und auf alles eine Antwort. Und er hat das auch gerne unter Beweis gestellt: Kaum einer seiner Interviewpartner war je imstande, auf eine von Zilk gestellte Frage zu reagieren, ehe Zilk sie bereits selbst beantwortet hatte. Welche Fundgrube an wertvollsten Informationen muss der Alpen-James-Bond für den tschechischen Geheimdienst gewesen sein!

Jahrzehnte werden vergehen, ehe sich Österreichs Spionageabwehr von diesem schweren Schlag erholen wird. Vom Schock für die Bevölkerung einmal ganz abgesehen. Wem kann man denn heute noch trauen, wenn selbst die Repräsentanten der Republik brisanteste Staatsgeheimnisse weitergeben? Ich schlafe deswegen schon ganz schlecht. In meinem letzten Alptraum hat Kanzler Faymann meinen versteckten Lieblingsheurigen an einen italienischen Reiseveranstalter verraten. O Helmut, was hast du uns nur angetan!

klasmann.stephan@format.at

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