Stephan Klasmanns "querformat": Marschrichtung West-Nord-Ost(-Süd?)

Die Haltung maximaler Unglaubwürdigkeit ist das Einzige, worin die Politik konsequent war.

Ich lache gerne. Montag dieser Woche hatte ich dazu wieder einmal ausgiebig Gelegenheit. Die n-tv-Frühnachrichten berichteten über die Ergebnisse des Gipfeltreffens zur Lösung der Euro-Krise am Wochenende und zitierten den neuen französischen Finanzminister François Baroin wie folgt: „Wir werden entschlossene Maßnahmen zur Lösung der Krise setzen. Über die konkreten Schritte wird in den nächsten Tagen entschieden oder in den nächsten Wochen.“

Nichts könnte den dilettantischen Umgang der europäischen Politiker mit der Euro-Krise besser demonstrieren als dieses Statement. In einer Situation, in der die Finanzmärkte hypernervös sind und nichts mehr brauchen als klare und rasche Entscheidungen, bekommen sie das genaue Gegenteil. Zwischen den „nächsten Tagen“ und den „nächsten Wochen“ klafft – mathematisch betrachtet – immerhin eine Unschärfe um den Faktor sieben. Das ist also vergleichbar damit, dass Ihnen der VW-Händler den Preis des neuen Golf mit „zwischen 22.000 und 154.000 Euro“ angibt. Wer soll angesichts solch nebulöser Angaben ernsthaft an so etwas wie Entschlossenheit glauben?

Und diese Haltung maximaler Unglaubwürdigkeit ist tatsächlich das Einzige, worin die Euro-Politiker seit Beginn der Finanzkrise 2008 beinharte Konsequenz bewiesen haben. Das begann mit Angela Merkel, die angesichts des US-Immobilien-Desasters noch mitleidig lächelnd gemeint hat, konzertierte Konjunkturpakete seien dafür ja wohl nicht nötig, nur um einige Wochen später ebensolche in Zig-Milliarden-Höhe zu beschließen. Das setzte sich über Aussagen fort, Griechenland könne und müsse seine Probleme selber lösen, denn die EU sei ja keine Transferunion. Das Spiel setzte sich mit Irland und schließlich mit Portugal fort, das noch im Jänner erklärte, ganz sicher nicht auf den Rettungsschirm angewiesen zu sein, wohingegen man jetzt bereits diskutiert, wann das Hilfspaket Portugal 2 nötig wird. Griechenland 2 im kolportierten Umfang von 120 Milliarden Euro ist ja praktisch schon auf Schiene, nachdem man Zweiflern an Griechenland 1 bei dessen Genehmigung brüsk und arrogant erklärt hatte, selbstverständlich werde es nie ein zweites Hilfspaket geben, weil die 110 Milliarden Euro Nothilfe völlig ausreichten.

Dann versteifte sich Deutschland darauf, dass sich auch private Anleger wie etwa Banken an den Hilfszahlungen beteiligen müssen. Das wollten aber alle anderen – die Ratingagenturen eingeschlossen – nicht. Nun soll es eine Art zwangsweiser freiwilliger Beteiligung geben, über die seit Wochen völlig sinnlos gestritten wird, weil sie betragsmäßig vielleicht fünf Prozent der Gesamtsumme ausmachen wird.

Nein, man kann es wirklich niemandem verübeln, wenn er Zweifel an der Lösungskompetenz dieser kopflosen Politclowns hegt. Man kann es niemandem verübeln, wenn er Merkel, Sarkozy & Co nicht mehr ernst nimmt und Beteuerungen ihrer Entschlossenheit, deren Ergebnisse sich in Tagen oder Wochen, vielleicht aber auch erst in Monaten herauskristallisieren werden, nur noch mit Humor begegnet.

Das ganze Gezerre der europäischen Politiker um die Lösung der Schuldenkrise ist ein einziges Kasperltheater. Doch anders als beim Puppenspiel, dessen für den Helden positiver Ausgang von Anfang an feststeht, ist bei der „Aktion Euro-Rettung“ noch keineswegs sicher, wer am Schluss den Knüppel über den Kopf gezogen bekommt.

- Stephan Klasmann

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten