Stephan Klasmanns "querformat":
Märchenhafte Wirtschaft

Was werden die nächsten vorhersehbaren Überraschungen sein?

Märchen haben vielerlei positive Wirkung. Für Kinder sind sie unterhaltend, manchmal auch Hilfe zum Einschlummern. In ihnen be­gegnen wir unseren eigenen psychischen Aspekten als unterschiedlichen Archetypen, und die Handlungsstränge repräsentieren symbolisch menschliche Verhaltensweisen. Kurzum: Märchen helfen uns, die Welt zu verstehen, beispielsweise die Finanzmärkte.

Empfohlene Lektüre: „Des Kaisers neue Kleider“.

Inhalt: Alle Untertanen sehen, dass der Kaiser nackt ist, aber erst nachdem ein kleiner Junge die peinliche Wahrheit herausschreit, wird das, was ohnehin schon alle wussten, als scheinbare Überraschung offenbar.
Griechenland ist nicht erst seit vorgestern überschuldet. Schon beim Beschluss zur Aufnahme in die Eurozone im Jahr 2000 waren die Budget-Tricksereien der Hellenen bekannt. 2004 verhinderte nur der massive Widerstand der Deutschen unter Kanzler Gerhard Schröder eine eingehende Prüfung des Griechen-Etats durch die EU-Kommission. Man wollte nicht, dass öffentlich wird, wozu alle wissend schwiegen: nämlich dass die Athener Regierung lügt.

Und so waren es schließlich vor wenigen Monaten die ­bösen Spekulanten, die die Rolle des kleinen Jungen aus dem Märchen übernahmen: Erst durch ihre Wetten auf einen Staatsbankrott machten sie das offene Geheimnis ­publik. Dafür sei ihnen gedankt.

Doch Griechenland ist nur ein Beispiel in ­einer langen Kette solcher plötzlichen Erkenntnisse, die keine sind. Das Platzen der Tech-
Blase im Jahr 2000 war – bis auf den Zeitpunkt – völlig vorhersehbar. Wieso sollten verlustreiche Internet-Buden mit teils gänzlich krausen ­Geschäftsideen Milli­arden Euro wert sein? Dennoch hat man das Spiel mitgespielt, bis der Erste erklärt hat: „He, Leute, das ist doch alles völlig überbewertet.“ „Stimmt“, sagte sich die scheinbar erstaunte Herde, „hast eigentlich Recht. Das ist wirklich alles sehr ­überbewertet.“ Und schon stürzten die Kurse ab. Das Gleiche geschah bei der US-Immobilienblase vor drei Jahren, als Bade­hütten um Millionen verkauft wurden, oder beim Japan-Boom 1990, als das Grundstück des Kaiserpalastes in Tokio rechnerisch mehr wert war als ganz Kalifornien.

Was aber werden die nächsten völlig vorhersehbaren Überraschungen sein? Derzeit steigen der US-Dollar und der Yen gegen den angeblich so maroden Euro massiv an. Aber irgendwann wird der erste Börsenguru darauf hinweisen, dass die USA kaum weniger verschuldet sind als Griechenland und ein ebenso hohes Defizit haben. Irgendwann wird auch wieder ins Bewusstsein dringen, dass die Japaner doppelt so hoch verschuldet sind wie die Hellenen und viermal so hoch wie die Spanier, aber für langfristige Anleihen statt acht Prozent ­Zinsen nicht einmal zwei Prozent zahlen.

Auch andere Marktdaten eignen sich für plötzlichen Erkenntnisgewinn mit Crash-Folgen: etwa der absurd hohe Goldpreis, die völlig ­überteuerten China-Immobilien oder die weltweit unterdeckte private Altersvorsorge. Aber ­solange alle schweigen, tun wir so, als wüssten wir von nichts. Nur: Früher oder später wird ein frecher Bengel – oder ein böser Spekulant – plötzlich rufen: „Seht mal, Gold ist viel zu teuer.“ Und dann ist das Märchen zu Ende.

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