Stephan Klasmanns "querformat":
Leben wie im Paradies

Francis Bacon war kein Trottel nicht. Wissen ist Macht, schrieb er 1597 in seinen „Heiligen Meditationen“ und sang darin ein Loblied auf die Wissenschaft. Und wer wollte ihm heute schon widersprechen. Immerhin leben wir in einer Wissensgesellschaft, und es gibt ganz neumodische Geschäftszweige wie Info-Brokerage und Wissensmanagement. Wer sein Know-how nicht ständig verbessert und in Ausbildung, Forschung und Entwicklung zurückbleibt, der hat den Kampf um die ökonomische Hegemonie schon verloren.

Doch bei aller Verehrung des Wissens ist es auch einmal Zeit, die Meriten des Nichtwissens hervorzuheben. Immerhin, das sei Bibeltreuen ins Stammbuch geschrieben, war es die Frucht vom Baum der Erkenntnis, die uns unser lauschiges Plätzchen im Paradies gekostet hat. In Österreich ist man sich der verheerenden Auswirkungen allzu tief gehender Erkenntnis Gott sei Dank bewusst geblieben, und so haben wir geradezu eine Kultur des Unoder zumindest Nicht-allzu-genau-Wissens hervorgebracht, die sich in den vergangenen Wochen sichtbar Bahn gebrochen hat.

Etwa im Fall Natascha Kampusch. Da weist ein honoriger Herr wie der ehemalige Präsident des Verfassungsgerichtshofs Ludwig Adamovich darauf hin, dass es in diesem Kriminalfall zahlreiche Ungereimtheiten gibt, die aufgeklärt werden sollten. Unterstützt wird er darin von seinen Mitstreitern in der eigens dafür eingesetzten Untersuchungskommission. In einer Wissensgesellschaft wäre nun zu erwarten, dass man sich um Aufklärung bemüht. Nicht so in Österreich. Denn wer weiß, was da ans Licht kommen könnte. Leben wir denn schlecht in unserer Unwissenheit? Und wem nützt es? Der Priklopil ist eh tot und die Natascha ein Fernsehstar.

Auch was im Merkur-Markt in Krems passiert ist, will eigentlich keiner so genau wissen. Da wird einem 14-Jährigen in den Rücken geschossen, und die – verständlicherweise – traumatisierten Polizisten werden drei Tage nicht vernommen. Der jugendliche Komplize mit einem Durchschuss der Oberschenkel wandert dagegen wegen Tatbegehungsgefahr in Untersuchungshaft.

Allerorten wird uns nun vollständige und lückenlose Aufklärung versprochen. Aber wer will das eigentlich? Der Landeshauptmann hat sicherheitshalber gleich dazu aufgefordert, die Polizistenhetze einzustellen. Erwin Pröll weiß eben den Wert der Unwissenheit noch zu schätzen. Denn wer kann schon sagen, was da ans Licht kommt? Man muss nicht alles wissen. Der Jugendliche ist eh schon tot, den macht das auch nicht mehr lebendig.

Aber nicht nur in Kriminalfällen, auch in der Wirtschaft hat sich Österreich einen sicheren Instinkt dafür bewahrt, dass es oft besser ist, so zu tun, als wollte man etwas untersuchen, als es tatsächlich zu tun. Etwa bei Skylink. Alle haben sie versichert, die Vorgänge um das Milliardengrab genauestens prüfen zu wollen: Politiker, Manager und Aufsichtsrat. Doch leider: Als der Rechnungshof vor der Tür stand, musste man ihn abweisen. Das Gesetz, so die bedauernde Auskunft, erlaubt das nicht. Wie gut, dass es so weise Gesetze gibt. Denn wer weiß, was bei so einer Untersuchung alles ans Licht kommt. Und wem nützt das schon? Die Hunderten Millionen Euro sind eh schon verloren.

Ja, ja, der alte Francis Bacon mag schon Recht gehabt haben: Wissen ist Macht. Aber wir Österreicher leben eine andere Wahrheit: Nichtwissen ist bequem.

klasmann.stephan@format.at

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