Stephan Klasmanns "querformat":
Lauter so Basken wie wir

"Es gibt in Europa viel mehr, was uns verbindet, als was uns trennt."

In zwei Wochen dürfen wir wieder zu den Urnen schreiten. Wir wählen dabei das für uns Österreicher wichtigste, demokratisch legitimierte gesetzgebende Organ – das Europäische Parlament. Über 80 Prozent aller in Österreich anwendbaren Gesetze werden dort beschlossen.
Aber irgendwie wollen wir das nicht wahrhaben. Die erwartbar niedrige Wahlbeteiligung zeigt ganz klar, dass wir die Bedeutung Europas am liebsten ignorieren würden. Bei jeder Landtagswahl lassen sich die Bürger leichter mobilisieren, obwohl dabei eigentlich viel weniger auf dem Spiel steht.

Wir wollen keine Europäer sein.  Unser Pech ist bloß, dass wir welche sind. Und zu allem Überfluss profitieren wir Österreicher auch noch ganz besonders davon, was unseren inneren, schizophrenen Konflikt noch erhöht. Nicht auszudenken, wie die Wirtschaftskrise über unser Finanzsystem hinweggefegt wäre, hätten wir statt dem Euro noch den Schilling. Nicht auszudenken, wie unsere Arbeitslosenquote aussehen würde, wenn wir nicht unser Wirtschaftsvolumen mit den osteuropäischen Staaten vervielfacht hätten, wodurch hier in Österreich geschätzte 200.000 Jobs entstanden sind.

Trotz all dieser unwiderlegbaren Vorteile, die uns aus dem Europäersein innerhalb der EU erwachsen, fällt die Saat der Angst vor dem bösen Brüsseler Moloch nirgendwo auf so fruchtbaren Boden wie bei uns. Und überhaupt die Angst vor dem Fremden: arbeitssuchende rumänische Horden, diebische Polen, mafiöse Italiener – alles sehr suspekt, alles sehr bedrohlich. Alles gar nicht wahr.
Dabei gibt es in Wahrheit in Europa viel mehr, was uns verbindet, als uns trennt. Etwa unser Erbgut. Es gibt keine europäischen Rassen, es gibt keine deutschen Gene, ebenso wenig wie keltische (die hat man jahrelang aufwendig und letztlich vergeblich gesucht) oder ungarische. Der vermeintlich bedrohte Herrenmensch, der sich aus Angst vor Überfremdung Schutz suchend mit brauner Kärntner Tracht oder einer blauen FPÖ-Fahne umhüllt und sich vor jeder Moschee fürchtet, ist fast bemitleidenswert daneben.

Aber sind wir denn gar nichts Besonderes? Nur eine dröge paneuropäische DNS-Mischkulanz? Gibt es ihn denn gar nicht, den hehren Ur-Europäer, aus dessen edlen Genen sich unsere Hochkultur herleitet?
Doch! Strache & Co können beruhigt sein. Oder vielleicht doch nicht. Als Adolf Hitler nämlich Expeditionen in den Himalaja schickte, um den wahren Ur-Germanen, seinen vermeintlichen Übermenschen, zu finden, hat er sich in der Himmelsrichtung ganz ordentlich geirrt. Anstatt sich japsend und von stumm staunenden Yaks beäugt über 6.000 Meter hohe Pässe zu quälen, hätte den Vertretern der deutschen Herrenrasse ein Ausflug an den Golf von Biskaya genügt. Dort kommen wir nämlich her. Zumindest die allermeisten von uns.

Molekulargenetische Untersuchungen beweisen, dass weit über drei Viertel aller Europäer in weiblicher Linie von den Basken abstammen. Auch linguistisch lässt sich dieser Nachweis mit hoher Probabilität führen. Bis ins Baltikum hinauf sind bei Landschaftsbezeichnungen, insbesondere bei Gewässern, aus dem Altbaskischen stammende Endungen nachzuweisen.
Wenn Sie sich also das nächste Mal über eine dumme Brüsseler Entscheidung ärgern oder Sie der EU-Regelungswahn nervt – sagen Sie sich einfach: Was soll’s – sind ja auch bloß Basken. So wie ich.

klasmann.stephan@format.at

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