Stephan Klasmanns "querformat": Laura und wie sie die Welt sieht

Es war einmal eine Partei, die nannte sich Sozialistische Partei Österreichs...

Später, als sozialistisch keinen so guten Klang mehr hatte, nannte sie sich Sozialdemokratische Partei Österreichs. Das entfernte zumindest sprachlich vom Kommunismus, wenngleich das Akronym mit SPÖ unverändert blieb.

Unverändert blieben leider auch die Schwierigkeiten für deren Parteifunktionäre, sich mit den Grundlagen unseres Wirtschaftssystems vertraut zu machen. Doch immerhin: Manche lernen hier schneller als andere. Es gibt also quasi eine SPÖ der zwei Geschwindigkeiten. Das zeigt sich eindrucksvoll an Bundesgeschäftsführer und Bundesgeschäftsführerin.

Günther Kräuter wetterte Mitte September gegen die von der ÖVP geforderten Erhöhungen von Mineralölsteuer und Mehrwertsteuer. Sein auf Umfragen gestütztes Argument: Die Österreicher wollen a) keine höheren Benzinpreise und b) keine allgemein steigenden Preise. Damit hat sich Kräuter immerhin schon ins Neolithikum des Kapitalismusverständnisses vorgearbeitet. Er hat begriffen, dass eine Steuererhöhung auf Benzin nicht unversehens in den Bilanzen von OMV, BP oder Exxon verschwindet, sondern zu höheren Spritpreisen führt, ebenso wie eine steigende MwSt. ein allgemein höheres Preisniveau bedeutet und also Inflation. Bravo! Bravissimo!

Seiner Kollegin Laura Rudas hat er diese bahnbrechende Erkenntnis bislang vorenthalten. Anders ist nicht erklärbar, dass die junge Dame gänzlich aufgebracht auf die Ankündigung von RZB-Chef Walter Rothensteiner reagierte, der nur erklärte, was ohnehin jeder weiß (o. k.: fast jeder!): dass nämlich die höheren Aufwendungen für die Bankensteuer und die enormen administrativen Kosten für die (gänzlich absurde) neue Spekulationssteuer letztlich die Bankkunden bezahlen werden.

In den Augen von Frau Rudas ist es jedoch „respektlos“ und eine „unverschämte Drohung“, dass die Banken ihre Kunden mit dem Mehraufwand belasten. Herr Kräuter hätte das erklären und ihr die ganze Aufregung ersparen können (Karl Marx auch, aber der ist schon tot).

Doch Kräuter hat ja listig geschwiegen, darum springt querformat nun helfend bei. Also, die G’schicht is so, Frau Rudas: Unternehmen wollen ihre Kunden um ihr Geld bringen. Sprich, sie versuchen den maximalen Preis für ihre Waren und Dienstleistungen zu bekommen. Diese „Gier“, wie Sie es nennen, ist keineswegs auf Banken beschränkt. Beispiel Friseur: Sie werden zunächst mit einem billigen Standardangebot – waschen/schneiden 29 Euro – angelockt. Dann aber: ein paar Spritzer Supergegen-Schuppen-Spliss-undsonstauchalles-Balsam – 10 Euro; drei Minuten Föhnen – noch 10 Euro; drei Sekunden Haarspray – weitere 5 Euro; blonde Strähnchen? – 30 Euro. Unverschämt, nicht? Aber, Frau Rudas, Sie werden es nicht glauben, der Friseur hat’s einfach nur auf Ihr Geld abgesehen. Ja, man könnte sogar sagen, der gierige Hund sperrt seinen Laden überhaupt nur wegen des schnöden Mammons auf!

Sie sehen, Ihr Friseur ist ebenso abgefeimt wie der böse Banker Rothensteiner. Aber dieses Spiel ist gar nicht so empörend, wie es Ihnen scheint, sondern einfach nur Teil unseres Wirtschaftssystems. Man nennt das Marktwirtschaft. Und wenn Sie, Frau SPÖ-Bundesgeschäftsführerin, jetzt noch immer nicht ganz verstanden haben, wie sie funktioniert, dann fragen Sie doch einfach Ihren Parteifreund, den SPÖ-Bundesgeschäftsführer.

- Stephan Klasmann

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