Stephan Klasmanns "querformat": Lamento eines Diktators

Kaum verliert man die Macht – schwuppdiwupp wird man vom Staatsgast zum Kriegsverbrecher!

Ach, Sie haben ja gar keine Ahnung, wie man da mitfühlt. Der arme Hosni Mubarak! Jetzt regiert er 30 Jahre in Ägypten, und dann wird ihm mit 82 Jahren sein ganzes Lebenswerk zerstört. Ja, die Zeiten für uns Diktatoren werden immer schwerer. Dabei hat er alles richtig gemacht. Wie aus dem Lehrbuch. Opposition unterdrücken, Ausnahmezustand, willkürliche Verhaftungen, um das Volk zu ängstigen, im Polizeigefängnis ein bisschen foltern, mächtige internationale Verbündete wie die USA suchen … Und trotzdem hat es ihn erwischt. Es ist halt dieser hässliche Bazillus Demokratie, der wie eine Seuche um sich greift. Ich sag Ihnen, selbst als umsichtiger Tyrann hat man es heutzutage nicht leicht. Auch ich bereite mich ja schon auf den Ernstfall vor und verschiebe mein Vermögen ins Ausland.

Und das Schlimmste, das ist ja diese Heuchelei. Was haben sie nicht meinen Kollegen Milosevic hofiert, damals in Dayton. Gelobt haben sie den Slobo wegen seiner Kompromissbereitschaft. Und kaum war er nicht mehr an der Macht – schwuppdiwupp wurde aus dem Staatsgast ein Kriegsverbrecher. Aber das ist man ja schon gewohnt. Der arme Ben Ali aus Tunis zum Beispiel: Jahrelang war er gerne gesehener Kunde der großen Banken, hat das gestoh…, äh, Pardon, hart verdiente Geld auf ihren Depots und tonnenweise Gold in ihren Schließfächern gelagert. Und dann plötzlich, als er aus der Heimat vertrieben wird und den Notgroschen dringend braucht, ausgerechnet da sperren sie ihm die Konten. Jetzt ist er auf einmal ein Verbrecher. Als ob nicht alle immer gewusst hätten, wo sein Vermögen herkommt. Selbst seinen geschäftstüchtigen Schwager, den er immer so nett unterstützt hat, will man jetzt an die skrupellosen Demokraten ausliefern. Sippenhaftung ist das, jawohl!

Und wenn man dann nach Jahren zurückkommt, um dem verwüsteten Land beim Aufschwung zu helfen, wie unser lieber Kollege Duvalier in Haiti, dann sperren sie einen auch noch ein. Baby Doc nennen sie ihn. Frag mich ja, warum. Na ja, vielleicht war er Kinderarzt, so eine Art Mengele auf Karibisch. Was soll’s. Tatsache ist, dass wir immer weniger werden. Gestern der Ben Ali, heute unser lieber Hosni Mubarak, morgen die Kollegen im Jemen und in Jordanien … Wohin soll das führen? Und anstatt uns auf die Rote Liste zu setzen wie den mächtigen Königstiger oder den überaus klugen Maulbeeraffen, werden wir auch noch verfolgt.

Ja, die Welt ist schlecht und trügerisch. Jetzt haben sie den Gaddafi gerade noch mit militärischen Ehren in Rom empfangen. Sogar seine ukrainische Krankenschwester war dabei, und Berlusconi hat mit ihm Milliardendeals ausgehandelt. Aber wer weiß, nächstes Mal wird er vielleicht schon verhaftet. Zugegeben, solange der Berlusconi regiert, wird das kaum passieren, weil der ist ja auch einer von uns. Aber dem versucht man ebenfalls ständig am Zeug zu flicken, wegen dieser jungen Dame und Korruption und Mafia. Man hat einfach keinen Respekt mehr vor uns.

Sehen Sie, jetzt habe ich Ihnen mein Herz ausgeschüttet. Auch Diktatoren wie ich brauchen eben manchmal Zuwendung und Verständnis. Nun ist es aber der Sentimentalitäten genug. Jetzt muss ich mich ums Geschäft kümmern und schauen, wohin ich meine Goldbarren bringe, falls es hier demnächst ungemütlich wird. Die Schweiz soll ja für unsereinen recht verständnisvoll sein. Und noch ein Land haben mir meine Berater empfohlen … Ach ja! Österreich!

- Stephan Klasmann

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