Stephan Klasmanns "querformat":
Krugmans Verwechslung

"Paul Krugman hat sich nicht in der Sache, sondern im Land geirrt."

Es gibt immer wieder Situationen, vor denen man sich lange Zeit fürchtet, aber wenn man sie dann tatsächlich durchmacht, stellt man mit fast euphorischer Erleichterung fest: Man hat überlebt, man hat dem Schrecken ins Auge geschaut und ihn überwunden. Etwa ein Zahnarztbesuch, die Steuernachzahlung für das vergangene Jahr oder ein Abendessen mit Dagmar Koller. Schließlich schreitet man stolz von hinnen und genießt das Gefühl, durch das Erlittene zum Helden gereift zu sein.

Und so lief mir ein leise-schauriges Kribbeln über den Rücken, als ich die aufregende Kunde vernahm: Österreich steht kurz vor dem Staatsbankrott. Und das prophezeit uns nicht irgendwer, sondern ein echter Kapazunder! Immerhin ist Paul Krugman Wirtschaftsnobelpreisträger, und der muss es ja wissen. Wer, wenn nicht er. „Endlich“, sagte ich mir, „endlich wirst du wieder mal was echt Spannendes erleben.“ Wieder etwas, was ich als Greis auf der Parkbank meinen atemlos lauschenden Enkeln erzählen kann: „Ja ja, damals beim Staatsbankrott.“

Abends wollte ich die heraufdämmernde heroische Zeit im Gourmettempel „Steirereck“ feiern. Doch ach: Kein Tisch war mehr frei. Der Nobelwirt gerammelt voll – eigentlich nicht geziemend, kurz vor der nationalen Pleite. Alternativprogramm: Shoppen auf der Kärntner Straße. Doch statt wie erhofft in Big-Spender-Pose durch leere Geschäfte mit greinenden Verkäufern zu bummeln, erlebte ich nur Gedränge, klingende Kassen, überlastetes Personal.

Ich gebe zu, dass mich an diesem Punkt bereits erste Zweifel beschlichen. So hatte ich mir die letzten Tage vor einem Staatsbankrott eigentlich nicht vorgestellt. Als mir schließlich noch mein Schwager stöhnend von den vollen Hotels in Lech berichtete und sich mein bester Freund mit Kind und Kegel in einen mehrwöchigen Seychellen-Urlaub verabschiedete, beschlich mich ein furchtbarer Verdacht: Was, wenn sich Krugman einfach geirrt hat? Immerhin: Selbst Genies können gelegentlich Flüchtigkeitsfehler unterlaufen. Austria, Australia, Simbabwe – Amerikaner verwechseln ja gerne mal etwas. Europa, Afrika … ist ja irgendwie alles jenseits des Atlantiks. Da kann man sich nicht mit Details aufhalten.Vielleicht wird nun gar nichts aus dem Staatsbankrott, dachte ich enttäuscht.

Und dann wurde der Verdacht zur Gewissheit. Bei meinen
Recherchen stieß ich tatsächlich auf ein Land am Rande des Abgrunds. Während Österreichs Defizit 2009 gerade einmal 4,5 Prozent vom BIP erreicht, sind es dort 12,3 Prozent. Die Staatsverschuldung wird Ende 2010 mit 8,8 Billionen Euro auf über 80 Prozent vom BIP steigen, während es bei uns nur läppische 150 Milliarden oder 65 Prozent der Wirtschaftsleistung sind. Die Arbeitslosenquote wird dort infolge der Krise auf zehn Prozent steigen, und gleich an zwei Fronten befindet man sich in einem Krieg, der – wie selbst der Präsident zugegeben hat – nicht zu gewinnen ist. Im Fernsehen zeigt man bereits Bilder des einst wohlhabenden Mittelstandes, der jetzt in ärmlichen Zeltstädten vor den Metropolen vegetiert. Welch bedauernswertes Schicksal!

Ganz klar. Das ist das Land, das Krugman gemeint hat. Dort kennt er sich ja auch viel besser aus. Es sind die Vereinigten Staaten von Amerika. Ich werde Krugman vergeben. Kann passieren, so ein kleiner Fauxpas. USA fängt ja auch so ähnlich an wie Austria.

klasmann.stephan@format.at

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