Stephan Klasmanns "querformat": Johannes Hahn - Österreichs Kennedy

Plagiate disqualifizieren Wissenschaftler, doch für Politiker ist Abkupfern eine Kernkompetenz.

Zugegeben: Johannes Hahn hat Pech. Alleine der Titel seiner Dissertation „Die Perspektive der Philosophie heute – am Beispiel der Stadt“ wäre eigentlich Garant dafür, dass sich kein Mensch je für seine wissenschaftlichen Ergüsse interessiert – gleichgültig, ob sie nun aus seiner Feder stammen oder nicht. Doch in Zeiten von Guttenberg, Koch-Mehrin und Grasser finden sich immer wieder boshaft-spitzfindige Zeitgenossen – diesmal in corpore des Grünen-Abgeordneten Peter Pilz –, die listig die Zitiergenauigkeit ihrer Polit-Kollegen unter die Lupe nehmen.

Laut einem diese Woche vorgelegten Gutachten sollen 17,2 Prozent der Hahn’schen Doktorarbeit aus Plagiaten bestehen, woraus Pilz die Aufforderung zum Rücktritt ableitet. Aber warum eigentlich? Wahr ist zwar, dass sich der österreichische EU-Kommissar – sollten die Vorwürfe stimmen – als Wissenschaftler disqualifiziert hätte, doch als Politiker ist geschicktes Abkupfern ja geradezu eine Kernkompetenz.

„Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, frage, was du für dein Land tun kannst.“ Was für eindrucksvolle, prägnante Worte, mit denen ein gewisser John F. Kennedy, 35. US-Präsident, bis heute zitiert wird. Zu Unrecht, denn dieser Satz wurde Anfang des 20. Jahrhunderts vom US-Rechtsgelehrten Oliver Wendell Holmes geprägt und kaum abgewandelt 20 Jahre später vom 29. US-Präsidenten Warren Harding wiederverwertet.

Der flotte Spruch „Wer Visionen hat, der soll zum Arzt gehen“ wird hierzulande Altkanzler Franz Vranitzky zugeschrieben, wahr ist vielmehr: Er stammt aus einem Brief des deutschen Altkanzlers Helmut Schmidt im Wahlkampf 1980.

Auch berühmte linke Parolen, die von Generationen kommunistischer Studenten Marx, Engels oder Lenin zugeschrieben werden, haben gänzlich andere Urheber: „Religion ist Opium für das Volk“ geht auf eine 1798 verfasste Schrift des deutschen Literaten Novalis zurück; „Proletarier aller Länder, vereinigt euch!“ war ein Aufruf des heute kaum mehr bekannten deutschen Arbeiterführers Karl Hermann Schapper.

Ideen-Klau ist in der Politik – und nicht nur in Österreich – gang und gäbe. Ob das letztlich gut ist oder nicht, hängt weniger von den geistigen Dieben ab als von der Substanz der geistigen Inhalte, deren sie sich bemächtigen. Ob ein Politiker die Grundzüge einer vernünftigen Verwaltungsreform, einer zukunftsorientierten Bildungspolitik oder einer effizienten Forschungsförderung selbst erfunden oder bloß von anderen klugen Köpfen abgeschaut hat, ist aus Sicht des Bürgers völlig gleichgültig – Hauptsache, sie wird umgesetzt. Doch wenn Verteidigungsminister und Kanzler ihre Ideen zu Bundesheer und EU-Erweiterung der „Kronen Zeitung“ entnehmen, darf man sich über die Ergebnisse nicht wundern. Selbst abkupfern will eben gelernt sein, und das nicht nur in wissenschaftlichen Arbeiten.

Aber vielleicht nehmen wir die ganze Dissertationsdebatte ohnehin viel zu ernst. Schließlich sind die Plagiatoren zumindest aus Sicht der Christen und Juden in wirklich absolut letzter Instanz freizusprechen: So findet sich die ganze rührende Sintflut-Story inklusive Arche Noah fast wörtlich im 1.200 Jahre älteren Gilgamesch-Epos. Da hat unser alttestamentarischer Herrgott doch glatt bei seinen mesopotamischen Kollegen abgekupfert – ganz ohne Zitierung!

Und wenn sogar Gott abschreibt …

- Stephan Klasmann

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