Stephan Klasmanns "querformat":
Im Banne der Agenten

Wir haben es immer geahnt, aber aus staatspolitischer Verantwortung geschwiegen. Doch jetzt ist das Verborgene wieder einmal offenbar geworden. Eine Serie von Pannen brachte ans Licht, was unseren Staat im innersten zusammenhält: der Geheimdienst. Spätestens seit dem „Dritten Mann“ wissen wir, dass Wien Tummelplatz internationaler Agenten und verdeckter Ermittler ist. Unter unseren Toiletten spielt sich der Krieg von Spionage und Gegenspionage ab. Selbst der Fremdenverkehr hat das erkannt und bietet bereits Führungen durch die fäkalen Fazilitäten unserer Hauptstadt an.

Ich persönlich hätte ja derzeit gar nichts dagegen, ein wenig beschattet zu werden. Vor allem zu Mittag. Bei über 30 Grad muss man nicht noch in der Sonne sitzen. Aber Secret Service und verdeckte Ermittler sind halt auch nicht mehr, was sie zu Harry Limes Zeiten waren. Irregeleitet tappen sie im Dunkeln. Die verdeckten Ermittler des Innenministeriums hatten es ausgerechnet auf Westenthalers Handy abgesehen. Wissen, dachte ich stets, sucht man bei Wissenden. Peter Westenthaler hätte ich jetzt nicht unbedingt … Na ja. Was könnte man vom BZÖ-Klubchef schon erfahren? Das Schlechtwetterersatzprogramm für das Ulrichsbergtreffen? Oder den Termin für die nächste Ortstafelverrückung in Kärnten?

Man merkt: Auch für Geheimdienste ist es schwer, gutes Personal zu bekommen. Dass der Recruiting-Notstand aber bereits so groß ist, dass Kasachstan tatsächlich versucht, FP-General Harald Vilimsky als Alpen- Mata-Hari im österreichischen Nationalrat einzusetzen – das zu glauben fällt selbst fantasiebegabten Zeitgenossen wie mir schwer.

Dabei gäbe es genug Arbeit für gute Agenten. Zahlreiche bedeutende Rätsel warten darauf, von findigen Spionen gelöst zu werden. Man könnte beispielsweise in Singapur ausschnüffeln, wie die es geschafft haben, einen Flughafen auszubauen, ohne die Projektkosten zu überschreiten. Auch ein Geheimkommando bei der Ryanair wäre unter ökonomischen Aspekten zu begrüßen. Wie machen die das bloß, dass sie sogar in der Krise mit ihren Fliegern noch Gewinne verbuchen? Wieso ist das praktisch ins Wasser gebaute Rijksmuseum in Amsterdam dicht, während es in der Wiener Albertina ständig von den Decken plätschert?

Warum bauen die hoch verschuldeten ÖBB den milliardenteuren Koralmtunnel, obwohl jeder weiß, dass sich die Röhre selbst bei explodierenden Bevölkerungszahlen in Kärnten und der Steiermark nie rechnen wird? Wieso sind Jahrhunderte derzeit so kurz, dass zwischen dem Jahrhunderthochwasser 2002 und jenem von 2009 nur sieben Jahre liegen? Wieso existiert heuer das Sommerloch nicht journalistisch, sondern budgetär?

Auch in der Gastronomie gäbe es ein breites Betätigungsfeld für diskrete Ermittler: Ist das tatsächlich Käse im Toast oder doch nur ein gehärtetes Pflanzenöl-Glutamat-Gemisch? Sind die Garnelen auf dem Fast-Food-Sandwich im genetischen Sinne Krebstiere oder bloß zusammengepappte Fischüberreste in Scampi-Form? Ist die fleischfarbene Masse auf der Pizza wirklich Beinschinken oder nicht vielmehr Kein-Schinken?

Fragen über Fragen. Sicherlich arbeiten die Innenministerin und der Heeresnachrichtendienst schon eifrig an deren Beantwortung. Es steht bloß zu befürchten, dass wir die Wahrheit in den meisten Fällen nie erfahren werden. Deswegen heißt es ja auch Geheimdienst.

klasmann.stephan@format.at

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