Stephan Klasmanns "querformat":
Hurra! Heute ist Welt-Umwelttag

"Ist die Natur denn schutzbedürftig? Klare Antwort: Nein."

Wir Menschen haben zahlreiche unwiderstehliche Bedürfnisse. Und keineswegs sind diese nur auf biologisch-physische Befriedigungen beschränkt. Es gibt auch geistig-emotionale Zwänge. Zu ihnen zählt der Drang, bestimmte Tage bedeutend scheinenden Inhalten zu widmen. Grob lassen sich diese Widmungen in zwei Gruppen teilen. Erstens feierwürdige Inhalte, derentwegen wir fröhlich und glücklich sein wollen: Muttertag, Vatertag, Tag der Einheit, Tag der Freiheit, Tag der Unabhängigkeit, Tag der Arbeit (weil da nicht gearbeitet wird). Zweitens Tage, an denen wir leidvoller Themen wie des Todes oder selbigen herbeiführender Krankheiten gedenken: Welt-Aidstag (1. Dez.), Weltkrebstag (4. Feb.), Welthungertag (16. Okt.), Allerseelen (2. Nov.).

Auch der 5. Juni, Erscheinungsdatum dieser Ausgabe, ist Gewichtigem gewidmet. Wir begehen – was für ein hässliches Wort – den Welt-Umwelttag. Das bedeutet freilich nicht, dass heute Welt um Welt an uns vorüberziehen wird. Bedauerlicherweise gibt es – zumindest nach aktueller Erkenntnis – nur diese eine. Es ist auch nicht ganz klar, in welche der beiden Kategorien dieser Tag fällt. Ist die Umwelt ein Grund zu feiern, etwa weil sie – wo unberührt – atemberaubend schön sein kann? Oder ist sie eine lästige Krankheit, weil sie Mücken, Fleckfieber und Lawinen hervorgebracht hat? Keines von beidem. Die Vereinten Nationen haben diesen Tag dem Gedenken an den Umweltschutz gewidmet. Aber ist die Umwelt überhaupt schutzbedürftig? Die Antwort ist ganz einfach: Nein, das ist sie nicht! Zumindest nicht aus Sicht der Umwelt. Der Umwelt ist es nämlich egal, ob sie gefeiert wird. Es ist ihr auch egal, ob wir sie erhalten oder pflegen. Umwelt existiert einfach. Wie sie aussieht, ist ihr – der Umwelt – vermutlich recht egal. Vor rund 250 Millionen Jahren endete das Paläozoikum mit dem bisher katastrophalsten Artensterben der Erdgeschichte. Rund 95 Prozent aller Spezies gingen damals verloren. Dagegen war die hollywoodgerecht Saurier-Dezimierung per Meteoriteneinschlag vor 65 Millionen Jahren eine Kinderjause. Na und? Hat es die Natur gekratzt? Nein. Neue Arten haben sich entwickelt, die auch nett anzusehen sind: etwa Zebras, Pandabären, Tiger, H.-C. Strache. Andere sind sehr hübsch und auch noch klug: Elstern, Hunde, Maulbeeraffen und die ein wenig bizarr designte Spezies Homo sapiens.

Letztere schickt sich derzeit an, der Natur beim Artensterben unter die Arme zu greifen. Gletscherschmelze, Klimawandel – alles dazu angetan, wieder ein paar Spezies ins Totenbuch der Evolution zu befördern. Die Natur kümmert das nicht. Ob Eiszeit oder Hitzestau, viel CO2 in der Atmosphäre oder wenig – jedes Szenario ist für bestimmte Arten vorteilhaft. Ob wir also auf einem für uns Menschen lebenswerten Planeten hausen oder uns bei Gluthitze durch Wüsten schleppen und unsere Häuser gegen Sturmfluten und Hurrikane verteidigen müssen, ist einzig und allein für uns selbst von Bedeutung. Das Wort „Umweltschutz“ ist daher nichts als eine anthropozentrische Verzerrung der tatsächlichen Verhältnisse. Die Umwelt pfeift auf unseren Schutz. Wir dienen bloß uns selbst, indem wir unser Biotop in einem für uns biologisch akzeptablen Zustand erhalten. Nicht den Welt-Umwelttag sollten wir daher am 5. Juni begehen, sondern korrekterweise den Menschen-Schutz-Tag. Den hätten wir tatsächlich bitter nötig – eigentlich täglich.

klasmann.stephan@format.at

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