Stephan Klasmanns "querformat": Homerisches Gelächter

Europa wurde von Zeus getäuscht, entführt und geschwängert. Alles seit 2.500 Jahren nachzulesen.

Ja, jetzt ist der Jammer groß. Da verhandelt man über Monate ein Hilfspaket für Griechenland, Merkel und Sarkozy springen über ihre durchaus unterschiedlich großen Schatten, ein Gipfeltreffen bringt endlich den Durchbruch, und dann das: Mitten in das Kursfeuerwerk der Börsen und die Selbstbelobigungsreden der Politiker platzt der irre Giorgos Papandreou mit seiner abstrusen Referendumsidee. Nix da Einigung, nix da Euro-Rettung. Jetzt heißt es weiterzittern, denn vor Anfang 2012 werden die Hellenen keine Entscheidung treffen.

Aber offen gesagt: Wir sind selber schuld. Hätten wir uns mit griechischer Kultur und Geschichte befasst, so wüssten wir, dass es gar nicht anders kommen konnte. Zahllose Szenen in Mythen und Sagen geben uns Hinweise auf die Weltsicht unserer südlichen Bundesgenossen. Allein dass sie die Erfinder des Theaters waren, hätte uns zu denken geben sollen. In einer Definition der Komödie heißt es, sie ist „ein Drama mit erheiterndem Handlungsablauf. Die unterhaltsame Grundstimmung entsteht durch eine übertriebene Darstellung menschlicher Schwächen …“ Und ist es nicht genau das, was uns die EU-Granden, ergänzt um ihre griechischen Kollegen, seit Monaten darbieten?

Schon das Trojanische Pferd hätte uns lehren können, dass die äußere Hülle und der durch sie verborgene Inhalt von unterschiedlicher Qualität sein können. Die wundersame griechische Budgetsanierung vor dem Euro-Beitritt war eben nur die Verpackung, der Inhalt – und das war ja durchaus bekannt – sah schon damals ganz anders aus. Wen wundert’s: Odysseus’ Beiname war „Der Listenreiche“.

Und denken wir nur an Orpheus, der seine Eurydike aus der Unterwelt zurückholen will. Ein Volk, das daran glaubt, dass die Toten schon demnächst wieder zurückkehren könnten, das lässt natürlich die Rentenzahlungen auch nach dem Ableben des lieben Verwandten weiterlaufen. Und mit den Jahren summiert sich das eben auf acht, neun Milliarden Euro. Man weiß ja nie! Was, wenn Opa morgen Flöte spielend dem Hades entsteigt und kein Geld mehr für seinen Rezina hat? Das kann man ja nicht riskieren, sagen sich die Hellenen und kassieren die Pensionen einfach weiter.

Auch dass viele Griechen völlig sinnlosen Tätigkeiten nachgehen – ein jüngst bekannt gewordenes Beispiel ist eine Behörde zur Verwaltung von Fischereirechten eines Sees, der schon in den 50er-Jahren ausgetrocknet ist –, ist uns seit Jahrtausenden bekannt. Schließlich ist der Mythos von Sisyphos, der stets aufs Neue seinen Stein auf den Berg wälzt, am Peloponnes entstanden und noch heute sprichwörtlich für zwecklose Arbeit (einzig Albert Camus sah in seiner Dissertation über Sisyphos im Herabrollen des Steines den Moment ultimativer menschlicher Freiheit).

Wie also können wir uns vor diesem Hintergrund die nächsten Monate vorstellen? Die alten Sagen lassen nichts Gutes erahnen: Kronos, der Gott der Zeit, verschlang seine Kinder, das Medusenhaupt lässt uns versteinern, der Hydra wachsen die Köpfe nach, und auch vom homerischen Gelächter sollten wir uns nicht allzu viel erwarten. Der Grund für die Heiterkeit der Götter bestand darin, dass Aphrodite ihren verkrüppelten Gatten Hephaistos mit dem feschen Kriegsgott Ares betrogen hatte. Ach ja! Übrigens: Die Königstochter Europa wurde von Zeus getäuscht, entführt und mehrfach geschwängert! Gar nicht so unrealistisch, oder? Und alles schon seit 2.500 Jahren nachzulesen.

- Stephan Klasmann

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