Stephan Klasmanns "querformat":
Hehre Ziele, leere Ziele

Die Konferenz von Kopenhagen hat kaum begonnen, da sickerte schon der Entwurf des Schlussdokuments durch. Abgesehen von der Frage, warum man überhaupt verhandelt, wenn das Ergebnis schon feststeht, enthüllte der Vorschlag, was von der Klimakonferenz wirklich zu erwarten ist: nämlich nichts. Laut der nun bekannt gewordenen Vertragsversion sollen Klimaziele für das Jahr 2050 festgelegt werden. Das allein ist schon vielsagend genug. Denn in 41 Jahren wird keiner der Kopenhagener Delegierten, geschweige denn der dort verhandelnden Politiker noch in maßgeblicher Funktion tätig und daher zur Verantwortung zu ziehen sein. Man wird die meisten in Krankenhäusern, Pflegeheimen beziehungsweise auf Friedhöfen suchen müssen.

Ein Ziel, das vier Jahrzehnte entfernt ist, setzt in der Regel wenig Tatkraft frei. Wer je versucht hat, einem Sechsjährigen zu erklären, dass er sich doch bitte die Zähne putzen soll, damit er mit 47 keine Karies hat, weiß, was ich meine. Die Erfahrung lehrt, dass ohne Druck und ohne Konsequenzen in absehbarer zeitlicher Nähe nichts passiert. Zielvorgaben für 2050 werden daher erst ab dem Jahr 2045 wahr- und ab 2048 ernst genommen. Und dann sind sie natürlich unerreichbar.

Und damit sind wir bereits beim nächsten entscheidenden Grund für das programmierte Scheitern: Vermutlich werden sich die Teilnehmerstaaten auf beachtliche Reduktionen bei Kohlendioxid-Emissionen einigen. Das bringt nämlich viel Applaus und vielleicht sogar ein paar Wählerstimmen. Und zwar heute und nicht erst 2050. Was aber nicht geklärt werden wird, ist, wie diese Ziele erreicht werden sollen. Diese Woche berichtete der größte chinesische Autohersteller, SAIC, ein Absatzplus von fast 90 Prozent von Jänner bis November 2009. Für 2010 wird ein Plus von 45 Prozent erwartet. Das ist gut für die Weltkonjunktur und gut für die 2,5 Millionen Chinesen, die jetzt ein neues SAIC-Auto haben. Aber in Bezug auf das Erreichen von Klimazielen wird diese Nachricht nur zu überschaubarem Jubel führen. Denn auch in Peking und Shanghai werden Benzin und Diesel getankt und nicht Wasserstoff oder Solarstrom.

Weder Chinesen noch Inder werden sich ihre Wohlstandsentwicklung wegen Emissionszielen für 2050 nehmen lassen wollen. Und das auch ganz zu Recht. Daher sind die Prognosen der Internationalen Energieagentur, wonach der weltweite Energiebedarf bis 2050 um mindestens 50 Prozent steigen wird, durchaus realistisch und einleuchtend. Wie aber passt das zur Reduktion von Treibhausgasen? Gar nicht. Wir haben nach dem heutigen Stand der Technik einfach keine Alternativen zu fossilen Energieträgern. Das muss nicht, ja das darf nicht so bleiben – aber derzeit ist es so. Der höhere Energiebedarf, den eine wachsende Weltwirtschaft benötigt, kann durch regenerative Energien einfach nicht gedeckt werden.

Was also ist zu tun? Wir brauchen Milliarden für Forschung und Entwicklung, um jene Technologien zu schaffen, auf Basis derer eine Senkung der Treibhausgasemissionen realistisch möglich ist. Und diese Milliarden brauchen wir schnell. Denn alle Berechnungen zeigen, dass die Erwärmung der Erde noch schneller erfolgt als ursprünglich vermutet. Eine intelligente Industriepolitik vorausgesetzt (ich weiß, was Sie jetzt denken), könnte das für ein Land wie Österreich sogar eine große Chance sein. Jedenfalls aber eine größere als die Totgeburt Kopenhagen.

klasmann.stephan@format.at

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