Stephan Klasmanns "querformat": Hatten Sie schon Ihren Stresstest?

Stresstests sind in Mode, und tatsächlich lässt sich dieses Instrument noch deutlich ausbauen.

Ist es Ihnen schon aufgefallen? Seit einiger Zeit grassiert eine völlig neue Seuche. Nein, nicht EHEC und auch nicht die Schweinegrippe, sondern der Stresstest. Noch vor zwei Jahren völlig unbekannt, vermehrt sich der Stresstest über alle Maßen. Begonnen hat es mit den Bankenstresstests, dann folgten die AKW-Stresstests, und jetzt gerade sind die Versicherungsstresstests dran.

Ich muss zugeben: Anfangs war ich skeptisch. Doch mittlerweile bin ich zum begeisterten Stresstest-Junkie mutiert. Denn dieses Instrument ist noch völlig unterschätzt. Einerseits kann es zur euphemistischen Umschreibung eigenen Versagens dienlich sein. Statt also einen dämlichen Auffahrunfall als solchen zuzugeben, könnte man den Blechsalat als „Stresstest der Wagenfront unter realistischen Verkehrsbedingungen“ umschreiben. Ein Vollrausch wird zum „Leberstresstest“, und wer den Partner im Affekt erwürgt, hat einen „Test des Humanorganismus unter anaerobem Dauerstress“ vorgenommen, der von der examinierten Person bedauerlicherweise nicht bestanden wurde.

Zum Zweiten lassen sich Stresstests sinnvollerweise auf viele andere Bereiche ausdehnen. Gerade Menschen, die sich für Schlüsselpositionen bewerben, können so ihre Befähigungen unter Beweis stellen. Kandidaten für den Job als Finanzminister werden beispielsweise im Rahmen eines Finanzministerstresstests auf eine belebte Einkaufsstraße geschickt und müssen innerhalb einer Stunde mindestens zehn Passanten unbemerkt das Geld aus der Tasche ziehen. Nach dieser ausgezeichneten Vorbereitung auf ihre neue Aufgabe werden sie mit der erbeuteten Barschaft in einen finsteren Raum gesperrt, wo sie die Moneten gegen ein Dutzend Ringkämpfer verteidigen müssen und so ihre Belastbarkeit in Budgetverhandlungen mit den Ministerkollegen simulieren können.

Nationalratsabgeordnete müssen als Eignungstest eine halbstündige Rede halten, in der es absolut keinen verständlichen Inhalt gibt. Bundespräsidentschaftskandidaten müssen ebenfalls eine halbstündige Rede halten, doch hierbei ist das entscheidende Kriterium, dass danach mindestens 80 Prozent des Publikums eingeschlafen ist.

Stresstests sollten aber selbstverständlich auch Einbürgerungswillige vor Verleihung der Staatsbürgerschaft unterzogen werden. Nur härteste Prüfungen können realistisch auf ein Leben in Österreich vorbereiten. Hier einige Vorschläge:

• hintereinander drei Folgen „Im Zentrum“ ansehen, ohne einzuschlafen;

• fünf Stunden Hansi-Hinterseer-Lieder hören, ohne den Verstand zu verlieren;

• eine niederösterreichische Landtagssitzung besuchen, ohne Alkoholiker zu werden;

• während eines Fußball-Länderspiels 90 Minuten lang Interesse und Begeisterung heucheln;

• Autogramme aller „Dancing Stars“-Kandidaten der bisherigen Staffeln sammeln.

Die Liste ist natürlich beliebig erweiterbar. In einer Stresstest-Endausbaustufe könnte schließlich jeder Staatsbürger regelmäßigen Prüfungen unterzogen werden. Andererseits: Wer die Jahre großer und kleiner Koalitionen, die Jahrzehnte der ergebnislosen Ankündigungspolitik und den gänzlichen Stillstand bei allen wesentlichen Reformthemen überstanden hat, ohne depressiv und selbstmordgefährdet zu werden, der hat seine Befähigung, waschechter Österreicher zu sein, ohnehin bewiesen.

- Stephan Klasmann

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