Stephan Klasmanns "querformat":
Grafschaft Österreich

"Von Graf kann man nicht erwarten, dass er das Richtige tut."

Seit längerem frage ich mich, ob ich das alles unter sarkastischen Gesichtspunkten noch witzig finde. Aber vielleicht ist das ja auch die ganz falsche Frage. Wahrscheinlich bin ich nicht auf der Höhe der Zeit. Viele Bürger fragen sich nämlich nach Ansicht unseres Dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf, „ob nicht Ariel Muzicant als Ziehvater des antifaschistischen Links­terrors bezeichnet werden sollte“. Schließlich sei der linke ­gewalttätige Mob auf den Straßen verlängerter Arm des Präsidenten der Israelitischen Kultusgemeinde.

Na bumsti! Das habe ich mich noch nie gefragt!  Bin halt keiner von den vielen Bürgern, die nach Bezeichnungen für Ariel Muzicant ringen. Der einzige mir bekannte Musikanten-Terror begegnet mir auf der Kärntner Straße, wo – durchsetzt mit Fehltönen – Oldies wie „Blowing In The Wind“ auf das wehrlose Trommelfell prallen. Das ist aber gar nichts gegen die geistigen Winde, deren H.-C. Strache fähig ist und die in Forderungen nach einem Abendland in Christenhand zu stinkendem Rauch kondensieren. Ich weiß ja nicht, wie sich der FP-Chef die Chris­tenhand genau vorstellt, aber es wird wohl eine eiserne Faust sein. Jesus würde sich im Grab umdrehen, wäre er nicht am dritten Tage auferstanden und gen Himmel gefahren, was ihm angesichts derartiger Innenpolitik auch kaum zu verdenken ist.

Was uns derzeit im Umfeld der EU-Wahl an politischer Niveaulosigkeit geboten wird, ist tatsächlich einmalig. Die Latte der Schamgrenze liegt so niedrig, dass selbst ein geübter Limbotänzer keine Chance hätte, darunter durchzuschlüpfen. Angesichts all dieser Widerwärtigkeiten drängt sich daher eine andere Frage auf: Warum ist Graf noch immer Nationalratspräsident und wird nicht abgesetzt? Antwort: Weil es dafür keine gesetzliche Regelung gibt.

Und so wird das Selbstverständliche durch Warten auf das Unerwartbare ersetzt. Josef Pröll, dem man nun absolut keine Nähe zu braunem Gesocks unterstellen kann, sprach in Reaktion auf den Graf’schen Musikanten-Sager korrekterweise von einem unwürdigen Tiefpunkt und meinte: „Von Dr. Graf erwarte ich, dass er weiß, was er jetzt zu tun hat.“ Wie bitte? Von jemandem, der in Ariel Muzicant den Drahtzieher linksfaschistischen Terrors sieht, kann man alles erwarten, bloß nicht, dass er weiß, was er tut. Kanzler Faymann detto: „Ich gehe davon aus, dass jemand, der eine derartige Entgleisung begeht, auch die Konsequenzen zieht und zurücktritt.“ Nein, eben nicht! Gerade WEIL jemand so eine Entgleisung begeht, kann man NICHT davon ausgehen, dass er zurücktritt. Solchen Menschen bleibt die Gnade der Einsicht eben leider verwehrt, wie unschwer zu erkennen ist. Schließlich sind die Graf’schen Sager an Schwachsinn bloß noch durch das von ­Strache postulierte FPÖ-Veto gegen den EU-Beitritt Israels zu übertreffen.

Warum nicht gleich ein Veto gegen die Verschmutzung der Alpen mit pazifischem Meerwasser? Nein, von Graf kann man nicht erwarten, dass er das Richtige tut und zurücktritt. Dass müssen schon Faymann, Pröll & Co erledigen. Und es ist in Wahrheit ganz einfach: Die Geschäftsordnung des Nationalrates wird geändert, der Passus einer Abwahl des Nationalratspräsidenten hinzugefügt und Martin Graf aus dieser Funktion entlassen. Ist das so schwierig? Nein. Man muss es nur wollen. Aber weil es in Wahrheit niemand so wirklich will, bleibt Österreich weiterhin eine Grafschaft. Langsam vergeht mir das Lachen.

klasmann.stephan@format.at

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