Stephan Klasmanns "querformat":
Gottes Werk und Goldmans Beitrag

Erst habe ich ja gedacht, der Mann ist nicht ganz dicht. Lloyd Blankfein, Oberboss der mächtigen amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs, verteidigte seine für Normalbürger unvorstellbare Gage – heuer etwa 20 Millionen Dollar – gegenüber einer US-Zeitung damit, dass er ein Banker sei, der das Werk Gottes verrichtet. Schließlich, so Blankfein, sorgten die Geldinstitute für Wachstum, Wohlstand und das Gedeihen der Gesellschaft. Ich muss ehrlich zugeben, dass mir das vor allem in den vergangenen zwei Jahren gar nicht so aufgefallen ist.

Ich hatte den vagen Eindruck, wir befänden uns in einer von unverantwortlichen mehrheitlich amerikanischen Bankmanagern ausgelösten Wirtschaftskrise, die nur durch Hunderte Milliarden Steuergelder – Euro oder Dollar, je nach Landstrich – unter Kontrolle gebracht werden konnte. Aber vermutlich liege ich da ganz falsch und bin Opfer einer Desinformationskampagne der internationalen, bolschewistischen Presse-Mafia.

Dass ich solchen Lügen aufsitze, kommt wohl daher, dass ich so voreingenommen bin. Mir sind Leute, die das Werk Gottes auszuführen vermeinen, seit jeher suspekt. Ich konnte weder der Zerstörung der Buddha-Statuen von Banyan viel abgewinnen, noch halte ich die Kreuzzüge für ein besonders ruhmreiches Kapitel unserer Geschichte, und im Namen Gottes in Hochhäuser zu fliegen ist meiner Meinung nach ebenso entbehrlich wie das Steinigen von Ehebrechern und das Auspeitschen von Frauen, die ein Glas Bier getrunken haben.

Aber das macht Blankfein ja nicht. Lasse ich alle meine Vorurteile beiseite, so habe ich ihm nichts vorzuwerfen. Gott treu dienend, verdient er sein Geld: viele Millionen Dollar in Zeiten, in denen viele Millionen Menschen um ihre Jobs fürchten beziehungsweise sie schon verloren haben. Na und? Was hätten die 300 Millionen Amis schon davon, wenn der Goldman-Chef auf seine Gage verzichtete? Es gäbe gerade einmal sieben Cent pro Mann und Nase. Da ist es doch besser, das Geld konzentriert sich gleich bei denen, die damit umgehen können.

Quertreiber und neidische Geister mögen jetzt vielleicht einwenden, nach 110 US-Bankenpleiten alleine im heurigen Jahr könne keine Rede davon sein, dass die Finanzmanager etwas von Geld verstünden. Aber da muss man eben genau lesen: Die Banken sind pleitegegangen, nicht die Banker!

Blankfein & Co verrichten inbrünstig Gottes Werk und leisten nicht etwa Teufels Beitrag. Steht nicht auf jeder Dollarnote „In God we trust“? Ist es daher nicht heilige Pflicht, möglichst viele Scheinchen zusammenzutragen, weil das ein untrüglicher Beweis für besonders festen Glauben ist? Ist nicht ein hoher Bonus quasi Beweis für gottgefälliges Leben? Schließlich bedeutet das Summum Bonum im religiösen Kontext nichts anderes als das Leben in Vereinigung mit Gott. Klar: Je höher der Bonus, desto intensiver die himmlische Erfahrung.

Endlich also verstehe ich den Goldman-Sachs- Boss. Thomas Fuller, ein glänzender Historiker und Literat und als ehemaliger Bischof von Bristol auch um das göttliche Werk bemüht, kam schon 1653 zur Erkenntnis: Politik besteht darin, Gott so zu dienen, dass man den Teufel nicht verärgert. In diesem Sinne ist Lloyd Blankfein sicherlich ein meisterlicher Diener Gottes.

klasmann.stephan@format.at

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