Stephan Klasmanns "querformat": Gott hasst Österreich!

Es gibt eine unsichtbare Kraft, der wir ausgeliefert sind und die unser Land zerstören will.

Der Verdacht lag ja immer schon nahe, aber ich wollte mich der grausamen Wahrheit verschließen. Selbst den zwei gut gekleideten Herren, die eines Sonntags frühmorgens läuteten, um, wie sie sagten, mir das Wichtigste überhaupt nahezubringen („Aspirin?“ „Nein, Gott!“), habe ich die Tür gewiesen.

Doch schließlich wurde auch ich vom erhellenden Blitz der Erkenntnis gestreift, ja vielleicht sogar getroffen: Das kann ja nicht alles Zufall sein. Warum passiert das immer uns Österreichern? Warum haben ausgerechnet wir den Ernst Strasser und nicht die Nepalesen? Die können schließlich auch nicht Englisch. Warum fällt just unsere politische Sonne im Vollrausch bei 160 km/h vom Kärntner Himmel? Wieso sind Karl-Heinz Grasser und Walter Meischberger noch auf freiem Fuß? Warum gründet der britische Staatsbürger Julius Meinl seine Bank gerade in Wien? Warum überträgt das staatliche Fernsehen bei uns Spiele der Fußball-Nationalmannschaft? Kurz: Warum gibt es bei uns so viel Elend? Da wird man doch nachdenklich!

Irgendetwas stimmt nicht mit unserem Land. Der Vizekanzler liegt im Krankenhaus, der Kanzler leidet unter Grinszwang, und am offiziellen Staatsball brüstet sich ein abgetakelter Baumeister unter regem, wenn nicht gar erregtem Medieninteresse mit einer käuflichen Gespielin des ebenfalls abgetakelten italienischen Regierungschefs. Auch ehemals klassische Austro-Domänen gingen verloren: Kein Ösi fährt mehr in der Formel 1, Bösendorfer wurde von den Japanern gekauft, und 2014 wird in Wien und Umgebung die Zahl der Döner-Buden jene der Würstelstände übertreffen.

Schließlich wurde mir klar: Da gibt es eine unsichtbare Kraft, der wir hilflos ausgeliefert sind und die Österreich zerstören will! Und Sie werden es nicht glauben, aber diese Macht ist Gott selbst! Fred Phelps, Führer der calvinistischen Westboro Baptist Church im US-Bundesstaat Arkansas, hat mir endlich die Augen geöffnet: Gott hasst Österreich! Das erklärt natürlich alles: unseren Beitrag zum heurigen Song Contest ebenso wie das Abschneiden beim PISA-Test. Und damit es jeder weiß, gehen seine Aktivisten auf die Straße und verkünden den arglosen Amerikanern die schreckliche Wahrheit: „God hates Austria!“

Und warum? Weil wir vom rechten Weg abgekommen sind! Unser Land ist ein Sündenpfuhl falscher Liberalität. (Wenn Sie das noch nicht gemerkt haben, dann fragen Sie H.-C. Strache.) Schon in den 70er-Jahren hat unsere Abkehr vom Paradies begonnen: Legalisierung der Scheidung, der Prostitution, der Abtreibung. Das alles hat Gott ja schon ein bisschen vergrämt. Daher auch das Lawinenunglück von Galtür und die Katastrophe von Kaprun, wie uns die Westboro-Babtist-Propheten wissen lassen. Doch mit der Legalisierung homosexueller Partnerschaften ist es jetzt natürlich ganz aus. Gott hasst Schwuchteln, sind sich die Phelps-Jünger einig.

Was wird uns nun bevorstehen? Ein Tsunami im Neusiedler See? Kernschmelze in Seibersdorf? Schließlich hasst Gott auch Japan, wie sich aus der im Internet veröffentlichten Hassweltkarte der Sekte klar erschließt, und hat ihnen daher das Erdbeben geschickt.

Wahrscheinlich ist das Einzige, was wir nun noch tun können, um den zornigen Weltenherrscher zu versöhnen, Alfons Haider aus der „Dancing Stars“-Show abzuwählen. Das wäre zumindest mal ein Anfang, ein Zeichen des guten Willens.

Doch nun beschleicht mich ein neuer Verdacht: Vielleicht ist Fred Phelps selbst Gott. So viel Schwachsinn kann doch ein Mensch gar nicht erfinden.

- Stephan Klasmann

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