Stephan Klasmanns "querformat":
Goodbye Greenback

Manchmal werden wir Zeuge historischer Ereignisse – beispielsweise gerade jetzt – und bemerken es gar nicht. Das ist nicht weiter verwerflich und schon gar nicht verwunderlich, denn geschichtlicher Wandel vollzieht sich oft über lange Zeiträume. Rom ist nicht mit der Absetzung von Romulus Augustulus 476 untergegangen, sondern über viele Jahrzehnte verfallen, ehe Odoaker den letzten in Italien ausgerufenen Kaiser in die Verbannung schickte. Und dem bronzezeitlichen Bergmann, der auf Zypern Kupfererz förderte, hat auch niemand auf die Schulter getippt und gesagt: „’tschuldigung, aber seit gestern haben wir Eisenzeit.“

Und so wird auch uns nur schleichend bewusst, dass tatsächlich eine neue weltwirtschaftliche Ära angebrochen ist. Unsere Nachkommen werden davon lesen. In Lehrbüchern über Wirtschaftsgeschichte, ediert im Jahr 2100, wird vermutlich der 15. September 2008 als Ende der amerikanischen Wirtschaftshegemonie verzeichnet sein.

Zwar wäre die Entthronung der USA früher oder später unvermeidlich gewesen, so wie auch das britische Empire – die dominante Wirtschaftsmacht des 18. und 19. Jahrhunderts – letztlich nicht ewig Bestand hatte, doch die Pleite des Investmenthauses Lehman hat diesen Niedergang nicht nur symbolisch markiert, sondern teils auch ursächlich begründet sowie beschleunigt. Und so erleben wir derzeit nicht mehr und nicht weniger als das Ende der Dollar- Dominanz. Wir erleben Geschichte.

Vergangene Woche wurden wieder einige gewichtige Indizien dafür bekannt. So gab es ein Geheimtreffen der Finanzminister und Notenbankchefs von Russland, Brasilien, China und Japan, bei dem eine neue Ordnung der Reservewährungen besprochen wurde. Und auch wenn Saudi-Arabien am Dienstag tapfer Zeitungsmeldungen dementierte, wonach die OPEC-Staaten darüber nachdenken, Öl nicht mehr nur gegen Dollar, sondern gegen einen Währungskorb zu handeln, der auch Euro, Yen und chinesische Yuan umfasst – natürlich denken sie darüber nach. Und nicht erst seit gestern.

Die USA sind angeschlagen. Die Finanzkrise lässt die Staatsschulden explodieren, die Militäreinsätze in Afghanistan und im Irak verschlingen täglich Milliarden, der Altersschnitt der heillos überschuldeten Bürger nimmt zu, und die politische Glaubwürdigkeit ist nach Guantanamo und acht Jahren Bush praktisch zur Gänze verspielt. Der Riese USA wird deswegen nicht morgen oder übermorgen fallen. Er wankt nur, und er bröckelt. Aber es ist offensichtlich, dass es keine Rückkehr zu alter Größe mehr geben wird. Es kracht und knirscht im Währungsgefüge, und die aktuellen Verschiebungen, die langsam, aber unaufhaltsam voranschreiten, werden eine neue Wirtschaftsordnung bringen.

Nach zwei Jahrzehnten mit einer alleinigen Supermacht verwandelt sich das Machtmonopol zu einem Oligopol, dem neben den USA auch China, Japan, früher oder später Indien und – wenn wir uns nicht ganz dumm anstellen – ein geeintes Europa angehören werden. Für uns erfüllt sich damit der Glückwunsch „Mögest du in interessanten Zeiten leben!“ Denn über mangelnde Spannung konnten wir uns im Wirtschaftsgeschehen der vergangenen Monate wirklich nicht beklagen, auch wenn sich uns die historische Bedeutung dieser Umwälzungen erst langsam erschließen wird. Der Spruch stammt übrigens aus China.

klasmann.stephan@format.at

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