Stephan Klasmanns "querformat": Gib mir die Gurke!

Es ist ein wirklicher Skandal: Bis zu unserem Tod schweben wir ständig in Lebensgefahr!

Zu meinen liebsten Werbeslogans zählt jener der FSME-Impfkampagne, der mir ob seiner paradoxen Unsinnigkeit stets ein Lächeln ins Gesicht zaubert: „Zeckengefahr ist unsichtbar. Sehen wir ihr ins Auge!“ Oberflächlich betrachtet ist diese Aufforderung, das nicht Sichtbare tapfer zu fokussieren, von fast rührender Tollpatschigkeit.

Doch in einem anderen Sinne enthält dieser Spruch eine tiefe Weisheit, die wir gerne verdrängen. Dieser Tage wird sie uns durch die Jagd nach dem gar fürchterlichen EHEC-Keim wieder einmal vor Augen geführt: Wir sind von einer Unzahl unsichtbarer, teils sogar unbekannter Gefahren umgeben. Und zwar ständig. Doch nur hin und wieder – etwa bei EHEC – dringt das ins gesellschaftliche Bewusstsein und sorgt für panische Reaktionen.

Der Erstverdacht fiel auf die hinterhältige spanische Gurke, und noch ehe er sich als falsch erwies, waren Tausende Tonnen des Gemüses reif für die Entsorgung. Dann wurden Tomate und Salat ins Visier genommen – wieder falscher Alarm. Schließlich führte eine ganz heiße Spur zu biologischem Sprossengemüse – und von dort ins Leere. Mittlerweile gehen die Verluste der Gemüsebauern in die Milliarden Euro, und verzweifelte Rohkostjünger stellen sich, mit falschem Bart getarnt, bei McDonald’s um einen garantiert grünzeugfreien Cheeseburger an.

Konsumenten wie Journalisten sind verstört und fragen Politiker, Wissenschaftler und wohl auch sich selbst ganz empört, wie es in unserer hochzivilisierten, superkontrollierten und klinisch sauberen Welt möglich ist, an kontaminiertem Essen zu sterben. Die Antwort, die eigentlich keiner hören will, lautet: ganz einfach.

Unsere Konsumgesellschaft gaukelt uns eine Sicherheit, Unverwundbarkeit, ja nahezu Unsterblichkeit vor, die nicht existiert. In 75 Prozent aller Fälle, so der Chef des deutschen Gesundheitsamtes, werden die Ursachen für eine Lebensmittelkontaminierung überhaupt nicht gefunden. Die Identifizierung der todbringenden Listerien, die sich im Vorjahr auf einem österreichischen Käse festsetzten, war da schon eher die Ausnahme als die Regel.

Aber schon ein Trip unter die Brause kann tödlich sein, wenn sich im Duschkopf stabförmige Bakterien namens Legionella pneumophila befinden. Eine Ausnahme? Mitnichten! Während es in Deutschland bislang 25 EHEC-Tote gibt, kommen dort jährlich – je nach Schätzung – zwischen 800 und 2.000 Menschen an der Legionärskrankheit um. In Österreich geht man von 50 bis 200 letalen Infektionen dieser Art aus.

Noch schlimmer wird es ausgerechnet dort, wo wir uns am sichersten fühlen: im Krankenhaus. Auf Österreich hochgerechnete, vorsichtige (!) Schätzungen gehen davon aus, dass sich jährlich 50.000 Patienten, von denen mindestens 1.000 ums Leben kommen, im Krankenhaus mit diversen multiresistenten Keimen anstecken. Im Vergleich zu den 548 Verkehrstoten, die Gegenstand zahlloser Artikel im Chronikteil der Zeitungen sind, geht dieses Sterben still und unauffällig vor sich.

Was sollen wir also tun, angesichts der potenziell tödlichen Bedrohungen, denen wir ausgesetzt sind? Nichts mehr essen, nicht mehr duschen, nicht mehr Auto fahren, Krankenhäuser meiden? Halten wir uns doch ganz einfach – etwas abgewandelt – an die Zeckenwerbung: Bis zu unserem Tod schweben wir ständig in Lebensgefahr. Sehen wir dem ins Auge!

- Stephan Klasmann

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