Stephan Klasmanns "querformat": Gestatten, mein Name ist Ernst

Wir sind von zahllosen Detektiven umgeben, die sich in bester Absicht zum Schein bereichern. Die Bösen sind wir selbst...

Ja, die Verrohung der Sitten, besonders aber unserer Seelen ist weit fortgeschritten. Eigentlich dazu angehalten, an das Gute im Menschen zu glauben, wittern wir in Wahrheit selbst hinter ganz harmlosen Umständen äußerste Hinterhältigkeit, ja sogar Raffgier und Bestechung. Diese bittere Erfahrung musste auch Ernst Strasser machen. Da hat sich dieser tapfere Kämpfer gegen das Böse aufgemacht, die kriminellen Machenschaften übelwollender Brüsseler Lobbyisten aufzudecken, hat zum Schein sogar 100.000 Euro gefordert, um dann bei der künftigen Geldübergabe die Falle gnadenlos zuschnappen zu lassen, und dann verdächtigt man ausgerechnet ihn, den aufopfernd gegen Korruption zu Felde ziehenden Helden, der Bestechlichkeit.

Dabei hatte er sich schon so schön ausgemalt, wie er als Leitfigur scharfsinnigster Verbrechensbekämpfung von den Bürgern gefeiert, selbst Eingang in Literatur und Film finden würde. Aus den glorreichen Sieben wären acht geworden, die Fantastischen Vier zum Quintett gewachsen, seine Freunde hätten ihn nur noch Mister Marple genannt, Feinde gäbe es gar nicht mehr.

Aber es ist anders gekommen. Weil man ihm, dem Meisterdetektiv, nicht glaubt. Weil es unverschämte Gesellen wie etwa den Vizekanzler gibt, die am Guten im Ernst zweifeln. Aber geteiltes Leid ist halbes Leid. Nicht nur Ernst Strasser ist in seinem Verhalten gröblichst fehlinterpretiert worden, auch Peter Hochegger, dem nun immense Honorare angekreidet werden, wurde nur bei seiner Aufdeckerarbeit gestört, als er gerade dabei war, die Verschwendung bei ÖBB und Telekom hieb- und stichfest zu beweisen.

Noch schlimmer erging es Walter Meischberger. Der Sherlock Holmes unter den Expolitikern war im Begriffe, unglaubliche Malversationen im Zusammenhang mit dem Buwog-Verkauf aufzuklären. Zum Schein ließ er sich für die Einfädelung des Deals acht Millionen Euro bezahlen und hielt listig auch noch in einem Telefongespräch fest, dass er eigentlich nicht wüsste, wofür ihm die Leistung zustünde. Damit, so der schlaue Meischi, waren Karl-Heinz Grasser und Ernst Karl Plech am Ende. Es war klar, dass hier für nichts Millionen geflossen sind. Doch noch ehe er die Unterlagen der Polizei übergeben konnte, geriet auf einmal er selbst ins Visier der Justiz. Grasser dagegen wollte wiederum Meischberger aufs Glatteis führen, indem er ihm zum Schein gute Ratschläge zur Rechtfertigung seiner Provisionen gab. Die Gründung seiner ganzen geheimen Stiftungen war auch nichts als ein Versuch, in die Psyche des Verbrechens einzudringen. Schließlich kann man Steuerhinterzieher und Geldwäscher am besten verstehen, indem man ihre Handlungen imitiert.

Auch Julius Meinl hat ja seine Schrottpapiere nicht aus Bereicherungsabsicht an die Anleger verhökert. Er wollte bloß im Rahmen eines Feldversuchs wissenschaftlich untersuchen, wie irrational Investoren auf Scheinargumente reagieren und wie weit Wert und Börsenkurs einer Aktie voneinander abweichen können. Natürlich war da der Karl-Heinzi gleich wieder mit von der Partie, weil wenn es um Forschung zum Wohle der Menschheit geht, kann er halt nicht nein sagen. Karl-Theodor zu Guttenberg wollte die Studie sogar als Dissertation einreichen, hat aber dann etwas anderes abgeschrieben.

Fazit: Wir sind eigentlich nur von ambitionierten Forschern und Detektiven umgeben, die sich in lauterster Absicht zum Schein bereichern. Die Bösen sind wir selbst – weil wir das justament nicht wahrhaben wollen!

- Stephan Klasmann

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