Stephan Klasmanns "querformat":
Es schneit! Und das im Winter!

Ein charakteristisches Merkmal der menschlichen Psyche ist ihr Potenzial zu Irrationalem, ihre Fähigkeit zum Paradoxon.

So gibt es beispielsweise das Phänomen der erwartbaren Überraschung, eigentlich ein Widerspruch in sich selbst: Jedes Jahr beim ersten Schneefall stehen Tausende Fahrzeuge mit Sommerreifen und durchdrehenden Rädern auf glatten Straßen, blockieren Autobahnen, rutschen in Brückengeländer oder stürzen in Straßengräben. Und scheinbar verdutzte – wenn nicht empörte – Lenker entsteigen den verbeulten Wracks und stellen wütend fest, dass es im Winter tatsächlich schneit. Eigentlich eine Zumutung, geradezu eine Ungeheuerlichkeit! Wer, bitte, hätte damit schon rechnen können?

Ähnlich geartet ist die aktuelle Aufregung um die triste Haushaltslage von Staaten wie Griechenland, Irland oder Spanien. Nachdem diese Länder jahrelang – und nicht erst seit der Finanzkrise – auf Pump gelebt und selbst in Zeiten bester Konjunktur hohe Defizite zugelassen haben, stellen wir nun überrascht fest, dass das zu einer drückenden Staatsverschuldung geführt hat. Sorgen über die Stabilität des Euroraumes machen die Runde, Ratingagenturen (das sind diese hervorragenden Experten, die den faulen US-Immokrediten die Bestnote AAA verliehen haben) senken die Bonitätsnoten, und besonders kluge Spezialisten erklären, der Euro sei längst zur Weichwährung verkommen (er steht derzeit – nach den jüngsten Kursverlusten – gegenüber dem Dollar um 20 Prozent über seinem Einführungskurs von 1999). Man könnte fast den Eindruck bekommen, etwas Dramatisches sei passiert.

Dabei lassen sich die Schwierigkeiten, die derzeit so hochgespielt werden, auf ein im Wirtschaftsleben nicht ganz unbekanntes Prinzip zurückführen: dass man auf Dauer nicht mehr ausgeben kann, als man einnimmt, und dass man Geld, das man sich ausborgt, schließlich auch einmal zurückzahlen muss. Der ganze Wirbel fällt daher, ähnlich wie der Schnee im Winter, unter erwartbare Überraschung. Schon beim Eurobeitritt hielten sich hartnäckige Gerüchte, Griechenland habe die Bedingungen dafür nur durch höchst kreative Bilanzierung geschafft und sich so die Aufnahme quasi erschlichen. Dasselbe gilt für Italien, das die Maastricht-Kriterien streng genommen überhaupt nie erfüllt hat. Da aber die Einführung einer gemeinsamen Währung ohne das wichtige EWG-Gründungsmitglied nicht denkbar gewesen wäre, haben sich die verantwortlichen Politiker und Nationalbanker sehenden Auges für blind erklärt und Rom mit offenen Armen empfangen. Dass es jetzt Defizitprobleme gibt, ist daher ungefähr so erstaunlich wie ein Dopingfall bei der Tour de France.

Erregung über Altbekanntes hat jedoch eine erfreuliche Eigenschaft: Sie hält meist nicht lange. Da sich die Eurozone einen Ausfall Griechenlands nicht leisten kann, wird man sich zähneknirschend auf eine Hilfsaktion einigen, die de facto über ein halbherziges Lippenbekenntnis nicht hinausgehen wird. Aber das macht nichts. Die Panik wird sich in einigen Wochen wieder legen und einem neuen Thema Platz machen – etwa der horrenden Verschuldung der USA, deren Defizit in Relation fast ebenso hoch ist wie jenes am Peloponnes. Nicht dass man das nicht längst wüsste – aber als erwartbare Überraschung taugt auch diese Erkenntnis allemal.

klasmann.stephan@format.at

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