Stephan Klasmanns "querformat": Ein Sumpf, so warm und weich...

Wir sind so etwas von nicht korrupt, dass es eine wahre Freud’ ist!

Selbsteinschätzung und Fremdeinschätzung können ganz ordentlich auseinanderklaffen. Während die Bösen, die anderen, ein kritisch (ver)urteilender Bannstrahl trifft, ruht der Blick gnädig auf unseren Lieben – und natürlich auf uns selbst. So glauben etwa Pröll und Faymann, sie hätten ein bahnbrechend zukunftsweisendes Budget zustande gebracht, Thomas Muster vermeint noch Tennis spielen zu können, und wenn Rapid-Trainer Peter Pacult ein Spiel seines Vereins kommentiert, hat man stets das Gefühl, ein anderes Match gesehen zu haben.

Ein ähnliches Phänomen brachte der neue Korruptionsindex von Transparency International zutage. Österreich liegt hier gleichauf mit Deutschland an 15. Stelle, einen Rang besser als 2009. Doch während die deutschen Medien dieses Ergebnis äußerst kritisch kommentierten, klopfte man sich hierzulande in patriotischem Stolz auf die Schulter, gänzlich unerwähnt lassend, dass wir 2006 noch Elfte waren.

Immerhin: Rang 15 unter 178 Ländern ist ja auch nicht ganz schlecht. Doch das Zustandekommen dieses Resultats ist bemerkenswert. Der Korruptionsindex wird auf Basis verschiedener Einzelstudien erstellt, bei denen entweder hauptsächlich ausländische Experten befragt wurden oder überwiegend inländische Manager. Während uns die Ausländer ziemlich schlecht bewerten, kommen die inländisch dominierten Analysen zu einem ganz anderen Ergebnis: Wir sind einfach so etwas von nicht korrupt, dass es eine Freud’ ist.

Brauchen S’ a Rechnung?

Wie ist diese Differenz zu erklären? Ganz einfach: Wir sind gemütlich und nicht so pingelig. Laut Umfragen der Universität Linz halten etwa 96 Prozent unserer Landsleute Schwarzarbeit für ein Kavaliersdelikt. Von A wie Arzt bis Z wie Zimmermann lautete die preisentscheidende Frage stets „Brauchen S’ a Rechnung?“ Bei uns herrscht eben wohlmeinende Toleranz.

Dass so mancher Prominenter am streng geschützten Seeufer doch eine Baugenehmigung bekommt, überrascht hier niemanden. Dass der Staatsanwalt Monate braucht, um Herrn Grasser zur Buwog-Affäre überhaupt einmal einzuvernehmen, wird am Stammtisch mit mitleidigem „Hast wirklich g’laubt, dem gehen s’ ans Leder?“ kommentiert. Das Auffliegen von Meischbergers unversteuerter Millionenprovision gilt ebenda sarkastisch als „Künstlerpech“. Elsner sitzt seit Jahren in Untersuchungshaft, Flöttl dagegen spaziert frei herum. Bürgermeister fälschen Stimmkarten, die Hypo Alpe Adria Bilanzen. Klar, dass Ausländer das nicht begreifen. Was für die Mauschelei ist, fällt bei uns unter kreativen Behördenumgang mit bilateralem Nutzenfokus – also eine Art Brauchtum.

Welche Korruption?

Dass der OECD-Korruptionsexperte Mark Pieth Österreich wörtlich als „Korruptions-Oase“ bezeichnet, darüber können wir nur milde schmunzeln. Das ist halt ein Fremder. Wie sagt doch Methusalix in Bezug auf die Römer so treffend: „Ich habe nichts gegen Fremde. Einige meiner besten Freunde sind Fremde. Aber diese Fremden sind nicht von hier.“ Und dass wir zu den wenigen Ländern gehören, die die Vorgaben der OECD bei der Korruptionsbekämpfung nicht umgesetzt haben? Ja, mein Gott. Nur net hudeln!

Die Schönheit, heißt es, liegt im Auge des Betrachters. Die Moral ebenso. Wir finden unsere Korruption charmant. Sie ist wie ein Sumpf, doch nicht hässlich-stinkend, sondern warm und weich. Wir mögen sie, wir haben uns an sie gewöhnt. Oder, besser gesagt: welche Korruption eigentlich?

- Stephan Klasmann

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