Stephan Klasmanns "querformat":
Ein Streik für alle Fälle

Eltern kennen das Problem. Im sogenannten Trotzalter, wenn Kinder ihren Willen entdecken, finden sie sich nur schwer damit ab, dass nicht alles nach ihrem Kopf geht.

Und selbst nachgiebige Mütter und Väter stehen dann gelegentlich ratlos vor einem tobenden Balg und dessen Wünschen schlichter Unerfüllbarkeit. „Will zu Oma fahren“ – die weilt aber in Mallorca. „Will Almduda“ – doch der Getränkekiosk ist geschlossen. Brüll, schrei, krakeel. Doch diese Phase geht vorüber. Der heranwachsende Mensch lernt – zumindest meistens –, sich mit den oft widrigen Gegebenheiten des Lebens abzufinden, Fakten und Naturgesetze als solche anzuerkennen und seine Wünsche an die Möglichkeiten anzupassen.

In den vergangenen Tagen bekam man jedoch immer mehr den Eindruck, dass diese Stufe der Erkenntnis in Europa noch keine weite Verbreitung gefunden hat. Beispielsweise in Griechenland: Dort liegen nicht nur die perikleischen Tempel in Trümmern – und taugen so immerhin zum malerischen Touristenziel –, sondern auch die Staatsfinanzen, was erheblich weniger romantisch ist. Das Land steht schlicht vor dem Bankrott, weil es in Hellas weit verbreiteter Brauch ist, keine Steuern zu zahlen. Nun würde man erwarten, dass die Ärmel aufgekrempelt und notwendige Sparmaßnahmen angegangen werden. Doch weit gefehlt: Die Reaktion des erbosten Volkes auf die prekäre Lage ist ein Generalstreik. Griechenland steht still. Keine Flüge, keine Züge, geschlossene Geschäfte.

In Spanien, nach beispielloser Immobilienkrise noch immer in tiefster Rezession, ist die Lage kaum besser. Das zweistellige Budgetdefizit muss reduziert werden, damit keine griechische Tragödie droht, also möchte die Madrider Regierung das Pensionsalter von 65 auf 67 Jahre anheben. Die Gewerkschaften drohen daraufhin mit Streik. In Frankreich soll demnächst eine unrentable Raffinerie geschlossen werden. Die Reaktion: Es werden alle sechs französischen Raffinerien bestreikt, und sollte es bis Montag keine Einigung geben, dann geht der Grande Nation buchstäblich der Sprit aus. Die schwer von der Wirtschaftsflaute getroffene Lufthansa versucht in Tochterfirmen günstigere Pilotenverträge abzuschließen. Die Folge: Die Flugkapitäne mit Gagen von teils weit über 200.000 Euro streiken, und Tausende Flüge werden abgesagt.

Nun mag mir ja etwas entgangen sein, aber meines Wissens wurde weder ein Staat noch ein Unternehmen je durch ostentatives Nichtstun saniert. Und auch wenn die aufgebrachte Menge gleich trotzigen Kindern aufstampft und ihr „Will aber keine Steuern zahlen“, „Will aber nicht mehr arbeiten“ herausschreit – davon werden die griechischen Schulden nicht kleiner und die spanischen Defizite nicht ausgeglichen. Der Spardruck wird bei der Lufthansa durch hundert Millionen Einnahmenausfall nicht geringer, und Frankreich kommt ohne Diesel auch nicht voran.

Wir werden diese Krise nicht wegstreiken können. Ganz im Gegenteil: Während wir in Europa katastrophale Schieflagen mit Verweigerung bekämpfen, arbeiten in den boomenden Großreichen Indien und China Hunderte Millionen fleißiger, fortschrittshungriger Menschen 50 bis 70 Stunden in der Woche am endgültigen Untergang unserer westlichen Wirtschaftshegemonie. Es wäre für uns hoch an der Zeit, erwachsen zu werden.

klasmann.stephan@format.at

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