Stephan Klasmanns "querformat":
Ein Quantum Trost

"Stolz der Nation: Wir haben zwar keine Regierung, aber saubere WCs."

Wir Österreicher haben es derzeit wirklich nicht leicht. Neben den omnipräsenten Folgen der Finanzkrise wie steigender Arbeitslosigkeit und täglich neuen Tiefständen an den Börsen beschweren viele hausgemachte Probleme Volksseele und Selbstbewusstsein: Statt dass sich die Konkurrenz um den Stolz unserer Lüfte gerissen hätte, geriet die AUA-Privatisierung zu einer peinlichen „Wer will mich?“-Show, bei der die Bewerber für das gerupfte Küken nacheinander dankend absagten. Das Post-Debakel mit nachfolgender, verfassungsrechtlich bedenklicher Ministerweisung wird es auch nicht auf die Ehrentafel wirtschaftspolitischer Heldentaten schaffen. Und zu guter Letzt lassen wir uns auch noch die nicht mehr ganz taufrische ­Leiche unseres ehemals reichsten Bürgers aus seinem Kärntner Mausoleum klauen. Welche Schmach! Österreich als neues Tourismus-Mekka des internationalen Nekrophilen-Verbandes. Das gibt unserem Image harmlos-einfältiger ­Alpenbewohner nach Josef Fritzl endgültig den Rest.

Auch die Versuche unseres lieben Herr Bundespräsidenten, uns aufzurichten, sind bislang fehlgeschlagen. Bis Mitte Dezember, so unser Staatsoberhaupt, sei er zuversichtlich, die neue Regierung anzugeloben. Aber ist uns das wirklich Trost? Ist es nicht besser, kanzlerlos durch die Minenfelder der Weltgeschichte zu taumeln, als eine Koalition zu schmieden, die noch vor ihrem Regierungsantritt in schlechterer Verfassung ist als so manch andere anlässlich ihres Zusammenbruchs? Wenn der eine Partner vor der Ehe zehn ultimative Ver­trauensfragen stellen muss, um festzustellen, ob selbiges vorhanden sei, dann ist der Vorgang an sich schon Antwort genug: Nein! Aber weil es nach der Wahl offenbar keine andere Wahl gibt, als die in Österreich eigentlich abgeschaffte Zwangsehe zu schließen, werden wir die großkoalitionäre Wasserfolter weitere Jahre ertragen müssen.

Doch genug davon! Als verantwortungsbewusstes Magazin, das seiner Leserschaft nach der Rezession wenigstens die Depression ersparen will, haben wir uns eilig auf die Suche nach einem Quäntchen Trost gemacht. Und tatsächlich: Einen Lichtblick hat uns diese Woche geschenkt, und er kann in all der Düsternis gar nicht genügend gewürdigt werden: Unsere Toiletten sind toll. Anlässlich des Welttoilettentages, der feier­lich am Mittwoch, dem 19. November, begangen wurde, brachte die Veröffentlichung eines internationalen WC-­Vergleichs ein stolzes Ergebnis: Rot-Weiß-Rot landete im ­hygienischen Spitzenfeld. Fazit: Auf unseren Toiletten besteht „keine besondere Infektionsgefahr“. Die Qualität unserer stillen Örtchen gibt uns daher Gelegenheit zu lautstarker Feier.

Gedankt ist das der unerschöpflichen Kreativität des Menschen im Erfinden und Widmen von Gedenktagen oder Jahren. Zu Recht werden Sie nun fragen, wer sich der Urheberschaft dieser krausen Idee eines Welttoilettentages rühmen darf, und wahrheitsgemäß darf ich Ihnen mitteilen: keine Ahnung. Immerhin aber weiß ich, wer das Insekt des Jahres kürt. Es handelt sich dabei um das Kuratorium „Insekt des Jahres“, welches 2008 der „Gemeinen Blutzikade“ widmete. Und auch hier gibt es einen tröstlichen Aspekt: Entgegen nahe­liegenden Vermutungen ist dieses vielbeinige Lebe­wesen ästhetisch wie charakterlich wertvoll und saugt uns nicht aus. Ich wünschte, man könnte das auch von unserer neuen Regierung behaupten! Doch von dieser Seite ist leider kein Trost, sondern eher Vertröstung zu erwarten.

klasmann.stephan@format.at

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