Stephan Klasmanns "querformat":
Ein Plädoyer für die Krise!

"Sie sind unfähig? Egal! Die Krise erteilt Ihnen Absolution."

Der Mensch hat eine bedauerliche Tendenz zur Unzufriedenheit. Im Sommer ist es zu heiß, im Winter zu kalt, und das Steak entweder zu blutig oder zu sehr durch. Man schätzt nicht, was man hat. Zum Beispiel die Wirtschaftskrise. Wäre die Krise ein fühlendes Wesen, ich möchte nicht in ihrer Haut stecken. Verfemt, verachtet, schleicht sie – jedem verhasst – durch die Straßen und ist nicht einmal in den Suppenküchen der Obdachlosen gerne gesehen. Ein wahrhaft trauriges Schicksal.

Dabei ist die Krise für viele von uns ein wahrer Segen. Da muss man gar nicht Barack Obama heißen, der ohne den Wirtschaftscrash nie und nimmer Präsident geworden wäre. Selbst der gemeine Bürger darf sich der Krise erfreuen: Wann hat es zuletzt einen Weihnachtsausverkauf VOR Weihnachten gegeben? Wann hat Burberry zuletzt freiwillig die Preise gesenkt? Wer kann sich an Rabatte beim Autokauf jenseits der 20 Prozent erinnern? Fernseher, Kameras, Skiausrüstung – wer nicht völlig pleite ist, der kann derzeit größere Anschaffungen zu Preisen machen, die einzigartig sind. Vorbei die Zeiten, in denen Sie für Ihre alte Mühle Verschrottungskosten zahlen mussten. Jetzt drückt Ihnen die Regierung sogar noch Geld in die Hand, damit Sie die Rostlaube zum handlichen Kubus deformieren lassen. Auch von den derzeitigen Spritpreisen an der Tankstelle sollten Sie noch ein Erinnerungsfoto machen. In drei Jahren glauben Sie sonst selbst nicht mehr, dass man Benzin um 83 Cent kaufen konnte.

Und auch für Hedonisten hat die Krise allerhand in petto. Kaviar: minus 30 Prozent; Alba- Trüffeln: minus 40 Prozent; und die französischen
Champagner-Kellereien rollen Kunden nach den schweren Umsatzeinbrüchen im Weihnachtsgeschäft den roten Teppich aus. In den teuren Bars in Manhattan, wo man sich stets um einen Platz an der Theke raufen musste – vorausgesetzt, man kam überhaupt am glatzköpfigen Türlsteher vorbei –, genießt man jetzt Ellbogenfreiheit, und der Zerberus sucht Ihnen gegen ein kleines Trinkgeld gerne einen Parkplatz. Selbst Anleger werden dieser Zeit noch nachweinen: Immobilienaktien gibt es um 20 Prozent des Inventarwerts, Ölkonzerne um den dreifachen Jahresgewinn, Banken um ein Drittel des Buchwerts, und die Dividendenrenditen selbst solidester Unternehmen erreichen sieben oder gar acht Prozent.

Besonders wertvoll ist das Wirtschaftsdesaster jedoch für
Manager.
Ihnen erteilt die Krise Generalabsolution. Sie haben einen Auftrag verbockt, sind gänzlich inkompetent, haben völlig marode Unternehmen akquiriert, und die Bilanz bleckt Ihnen nun leuchtend rot entgegen? Egal. Die Krise ist schuld! Sie haben heldenhaft Ihr Bestes gegeben. Da fragt kein Aufsichtsrat mehr nach. Auch innerbetrieblich ist der drohende Weltuntergang hilfreich. Ob Kündigungen, Kurzarbeit oder Zwangsurlaub: Der Hinweis auf die Krise lässt den Betriebsrat
entwaffnet zurück.

Wir gehen herrlichen Zeiten entgegen: Die Steuern werden gesenkt, die Zinsen sind bereist drastisch gefallen und fallen noch weiter, die Inflation tendiert gegen null, die Einkommen werden 2009 dennoch deutlich steigen. Wer das nicht zu schätzen weiß, dem ist nicht zu helfen. Aber so sind wir nun einmal – stets ist die Weide des Nachbarn grüner. Die Krise wird unvermeidlicherweise einmal vorübergehen. Erst dann werden wir erkennen, was wir an ihr hatten. Und sie vermissen.

klasmann.stefan@format.at

Kommentar

Standpunkte

Arne Johannsen: Erst die Pleite, dann das Dilemma

Kommentar

Standpunkte

Miriam Koch: Arbeitsmarkt, Ziegen, Roboter und wir

Standpunkte

Robert Hartlauer: Wie die Kleinen Händler den Großen Paroli bieten