Stephan Klasmanns "querformat":
Ehrengrab statt Manager-Bonus

Die Kultur, einen Fehler zuzugeben, ist uns verloren gegangen.

Wenn man Begriffe aus dem leider fast gänzlich verschwundenen Jiddisch so erklären möchte, dass möglichst viel von ihren schillernden Konnotationen verstanden wird, dann sind Anekdoten dafür oft am besten geeignet. Was zum Beispiel ist „Chuzpe“?

Sie sind Manager der weltgrößten Versicherung AIG und stürzen den Konzern durch haarsträubende Veranlagungen und miserable Risikokontrolle in den Ruin. Allein im vierten Quartal schreiben Sie einen Rekordverlust von 61 Milliarden Dollar. Wegen der enormen Bedeutung des Unternehmens rettet der Staat Ihrer Assekuranz unter Einsatz von 160 Milliarden Dollar Steuergeld die Existenz. Daraufhin, eben dem Finanztod von der Schippe gesprungen, fordern Sie und Ihre Bankrotteurskollegen für Ihren zweifelhaften Weltrekord 175 Millionen Dollar an Bonuszahlungen, denn so steht das ja in Ihrem Vertrag. Das ist Chuzpe.

Und dementsprechend kocht die US-Volksseele. Charles Grassley, Senator aus Iowa, hat nun einen ungewöhnlichen Vorschlag, um das aktuelle Skandalthema Nummer eins einem gedeihlichen Ende zuzuführen. Die Manager der AIG, so sein Rat, sollten entweder auf die Auszahlung ihrer Boni verzichten oder Selbstmord begehen.

Heute klingen solche Empfehlungen etwas merkwürdig, doch Suizid nach öffentlichem Versagen war lange Zeit gang und gäbe, wie zwei Beispiele aus ganz unterschiedlichen Branchen beweisen: Der römische Statthalter Tullius Quinctilius Varus stürzte sich nach verlorener Schlacht gegen den Cherusker-Fürsten Arminius im Teutoburger Wald ins Schwert. Der unglückliche Architekt der Wiener Roßauerkaserne nahm sich am Tag der feierlichen Eröffnung das Leben – er hatte im Großteil des gewaltigen Gebäudes auf die Toiletten vergessen.

Nun muss man sich ja – bloß weil man einen folgenschweren Fehler gemacht hat – nicht stante pede aus dem Hominiden-Genpool entfernen. Doch ein wenig mehr Gefühl für Ehre und Anstand täten Politik und Wirtschaft nicht schlecht. Muss es ein Nationalratspräsident wirklich auf die Aufhebung der Immunität wegen des Verdachts der Untreue ankommen lassen? Kann er nicht einfach aus Rücksicht auf sein Amt - zumindest vorübergehend – den Hut nehmen? Muss ein erfolgloser Ex-ÖBB-Chef wirklich vor Gericht um eine angeblich zustehende Abfertigung streiten? Kann er nicht einfach demütig in der Versenkung verschwinden, dankbar, jahrelang ohne erkennbare Leistung fürstlich bezahlt worden zu sein?

Aber diese Kultur, einen Fehler zuzugeben und, ohne großen Wind darum zu machen, die Konsequenzen zu ziehen, ist uns weitgehend verloren gegangen. In Ostasien hat sich diese Kunst des ehrenhaften Rückzugs noch besser erhalten. Der japanische Finanzminister Shoichi Nakagawa trat vor einigen Wochen zurück, bloß weil er alkoholisiert bei einer Pressekonferenz aufgetreten war. Zugegeben: Würden wir in Österreich solche Maßstäbe anlegen, hätte manches Bundesland keinen Landeshauptmann, und manches Ministerium keinen Minister mehr. Dennoch sei wehmütig festgestellt: Ein wenig mehr Einsicht in das eigene Versagen täte Managern und Politikern durchaus gut. Sie müssten sich deswegen ja nicht am Zentralfriedhof einquartieren. Es wäre schon völlig ausreichend, den Chefsessel zu räumen – freilich ohne millionenschwere Boni und Abfertigungen. Sonst wär’s wieder nur a Chuzpe.

klasmann.stephan@format.at

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